Zuletzt aktualisiert am 20. Dezember 2021

Ergotherapie

Die Ergotherapie unterstützt Menschen jeden Alters, die aufgrund einer Erkrankung, Verletzung oder Behinderung in ihrer Handlungsfähigkeit im Alltagsleben eingeschränkt sind oder denen dies droht. Nicht nur körperliche Bewegungsabläufe und Motorik, sondern auch psychische, soziale und kreative Fähigkeiten sowie die gesamte Wahrnehmung des Patienten werden in einer Ergotherapie je nach individueller Problematik geschult. Das Spektrum der Verfahren und Einsatzmöglichkeiten dieses ganzheitlichen Therapieansatzes ist entsprechend vielfältig. 

Beispiele für Einsatzmöglichkeiten von Ergotherapie
  • Der 63-jährige Herr M. kann nach einem Schlaganfall eine Hand nicht mehr richtig bewegen. Durch Ergotherapie lernt er mit Knetmasse, Ton, Holz oder alltäglichen Materialien wieder richtig zuzugreifen
  • Der 9-jährige Felix hat eine Entwicklungsstörung, die sich u.a. auf Grob- und Feinmotorik, Artikulation und die soziale Kompetenz auswirkt. Die Ergotherapeutin arbeitet eng mit Logopädie und Physiotherapie zusammen. Sie trainiert mit dem Kind spezielle Bewegungsabläufe wie das Schreiben und Malen. Außerdem fördert sie die Freude an der Bewegung und stärkt die Selbstwahrnehmung. Daneben bespricht die Therapeutin mit den Eltern, wie sie die Wohnung für Felix sicherer machen können

  • In der Ergotherapie von Frau L., die an einer Demenz im Frühstadium leidet, liegt der Fokus auf Übungen, die ihr Erinnerungs- und Denkvermögen aktivieren. Außerdem werden alltägliche Bewegungsabläufe wie das An- und Ausziehen trainiert. Den Sohn von Frau L. klärt der Ergotherapeut darüber auf, wie er mit Frau L. am besten umgeht

  • Herr K. ist alkoholabhängig. In der Ergotherapie soll er Abhängigkeitsmuster erkennen, durchbrechen und alternative Aktivitäten finden, die ihm Spaß machen. In der Gruppentherapie wird viel diskutiert, gemeinsam gemalt, gespielt, musiziert

Ziele der Ergotherapie

Ergotherapie wird verordnet, um

  • eine Krankheit zu heilen, ihre Verschlimmerung zu verhindern oder Beschwerden zu lindern (Kuration)
  • eine Gesundheitsschwäche zu beseitigen, die zu einer Krankheit führen würde (Prävention)
  • bei Kindern einer Gefährdung der gesundheitlichen Entwicklung entgegenzuwirken (Förderung)
  • Pflegebedürftigkeit zu verhindern oder zu mindern.

Ergotherapie unterstützt Menschen dabei, körperliche, geistige oder soziale Kompetenzen im Alltagsleben wiederzuerlangen oder zu erhalten. Ist dies nicht möglich, lernen Betroffene alternative Handlungsweisen, mit denen sie Defizite ausgleichen können.

Ziel ist es, die maximale Lebensqualität und Selbstständigkeit in allen Bereichen der persönlichen, häuslichen und beruflichen Lebensführung zu sichern und die gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen.

Anwendungsbereiche

Ergotherapie wird in der Kinderheilhunde (Pädiatrie), Neurologie, Orthopädie, Traumatologie, Rheumatologie, Altersheilkunde (Geriatrie), Onkologie und Psychiatrie eingesetzt.

Ergotherapie wird z. B. verordnet bei

  • Körperlichen Schädigungen nach Herzinfarkt oder Schlaganfall
  • Psychischen Erkrankungen wie psychotischen, neurotischen oder psychosomatischen Störungen oder bei der Rehabilitation von Suchtkranken
  • Orthopädischen Beschwerden
  • Alterserkrankungen wie Parkinson oder Alzheimer
  • Neurologischen Erkrankungen (z.B. nach einem Unfall) mit Lähmungen und Bewegungseinschränkungen, Störungen der Sinneswahrnehmung, Einschränkungen der Merkfähigkeit und Konzentration, Lese- und Schreibschwächen, Verständnisproblemen beim Nachvollziehen von Teilschritten einer Handlung, Erkennen von Gegenständen und Personen, Erfassen von Raum und Zeit
  • Verhaltens- und Entwicklungsstörungen
  • Angeborenen geistigen oder körperlichen Schädigungen
  • Rheumatischen Erkrankungen
  • Schmerzbehandlung
  • Körperlichen und geistigen Behinderungen bei Kindern

Ablauf der Ergotherapie

Die Therapie wird je nach Belastbarkeit und individuellen Einschränkungen des Patienten in Einzel- oder Gruppensitzungen durchgeführt.

Zu Beginn erstellen der Ergotherapeut und der Patient einen Behandlungsplan: In welchem Alltagsbereich ist die Handlungsfähigkeit eingeschränkt? Auf welche Weise soll die Therapie erfolgen und was sind die Ziele?

Der Ergotherapeut leitet seine Patienten an, er schult, trainiert, begleitet und berät (siehe auch: Psychoedukationsie. 

Abhängig vom Krankheitsbild werden verschiedene Einzelmaßnahmen kombiniert, z.B.:

  • Üben und Vorbereiten von Bewegungsabläufen
  • Schulung zur Selbsthilfe: Waschen, Anziehen, Essen, Trinken, Schlucken
  • Trainieren des Alltags und der selbstständigen Versorgung: Haushaltsführung, Einkaufen, Umgang mit Geld, Telefonieren, Zeiteinteilung, Tagesstrukturierung, Medikamenteneinnahme
  • Gedächtnis- und Denktraining bei Verletzungen des Gehirns, Nahrungszubereitung etc.
  • Psychische Stabilisierung und Hilfestellung bei seelischen Problemen
  • Förderung körperlicher Fähigkeiten und der Mobilität
  • Training der Beweglichkeit, Geschicklichkeit und der Koordination der Hände
  • Üben kommunikativer und sozialer Fähigkeiten
  • Erlernen schmerzarmer und schonender Bewegungen
  • Schulung im Umgang mit Hilfsmitteln wie Prothesen
  • Beratung und Anleitung von Angehörigen im Umgang mit dem Betroffenen
  • Analyse der Wohnsituation und Wohnumgebung durch den Therapeuten. Durch eine entsprechende Wohnraumumgestaltung soll der Betroffene möglichst eigenständig leben können

Methoden der Ergotherapie

Die Methoden, die bei der Ergotherapie zum Einsatz kommen, sind enorm vielfältig. Grundsätzlich werden 3 Therapieformen unterschieden, die miteinander kombiniert werden können: 

  • Kompetenzzentrierte Methode: Durch handwerkliche, lebenspraktische Übungen, Bewegungs- und Hirntrainings werden Alltags-Fähigkeiten erworben, wiederhergestellt oder verbessert
  • Ausdruckszentrierte Methode: Mit kreativ-gestalterischen Therapiemitteln wie Musik und Kunst wird die Eigenwahrnehmung des Patienten gestärkt und er lernt, seine Gefühle auszudrücken
  • Interaktionelle Methode: Da hier soziale Kompetenz, Kommunikationsfähigkeit und Konfliktmanagment gestärkt werden sollen, findet diese Therapieform oft in der Gruppe statt
  • Wahrnehmungs- und handlungsorientierte Methode: Dieser Ansatz kommt vor allem bei Menschen mit neuropsychologischen Erkrankungen zum Einsatz. Hier stehen Sinneserlebnisse und die Körperwahrnehmung im Mittelpunkt

Wo erhalten Patienten Ergotherapie?

Ergotherapeutische Behandlungen können während eines Krankenhausaufenthalts, einer Maßnahme der Rehabilitation, im Altenheim oder auch in Einrichtungen der Frühförderung erfolgen.

Im Rahmen der betrieblichen Wiedereingliederung kann Ergotherapie auch direkt am Arbeitsplatz eingesetzt werden.

Darüber hinaus gibt es ambulante Praxen für Ergotherapie. Wenn der Erkrankte nicht in der Lage ist die Praxis für Ergotherapie selbst aufzusuchen, sind auch Hausbesuche möglich.

Voraussetzungen

Eine Ergotherapie gilt als Heilmittel und muss vom behandelnden Arzt verordnet werden.

Eine Verordnung umfasst in der Regel 10 Behandlungseinheiten. Eine Therapiemaßnahme dauert üblicherweise zwischen 30 und 60 Minuten. In welchem Abstand die Maßnahmen erfolgen, hängt von der individuellen Situation des Betroffenen ab.

Kostenübernahme

Die Kosten für eine Ergotherapie übernimmt in der Regel die gesetzliche Krankenkasse.

Ab Vollendung des 18. Lebensjahres muss der Patient eine Zuzahlung von 10 % an den Leistungserbringer leisten, plus 10 € pro Verordnung, jedoch nicht mehr als die tatsächlich entstehenden Kosten. Unter bestimmten Voraussetzungen ist eine Befreiung von der Zuzahlung möglich (siehe auch: Zuzahlungsbefreiung).

Wird Ergotherapie in Folge eines Arbeitsunfalls oder einer Berufskrankheit verordnet, übernimmt die gesetzliche Unfallversicherung die Kosten.

Anlaufstellen und weitere Informationsquellen

Beim Deutschen Verband für Ergotherapie können Sie einen Ergotherapeuten in Ihrer Nähe suchen:

https://dve.info/service/therapeutensuche

http://www.deutsche-therapeutenauskunft.de/therapeuten/ergotherapie/was-ist-ergotherapie/

 

Inhaltsverzeichnis