Zuletzt aktualisiert am 20. Januar 2022

Epilepsie

Epilepsie, früher auch als „Fallsucht“ oder „Krampfleiden“ bezeichnet, ist ein Sammelbegriff für eine Gruppe neurologischer Erkrankungen. Ein epileptischer Anfall ist gekennzeichnet durch eine vorübergehend gesteigerte neuronale Entladung, also eine Art „Kurzschluss“ im Gehirn. Ausgelöst wird er durch eine erhöhte Erregbarkeit des Gehirns oder eine Störung inhibitorischer, also hemmender, Faktoren. Ausprägung und Erscheinungsform epileptischer Anfälle sind abhängig von der jeweils betroffenen Hirnregion.

Häufigkeit

Epilepsien zählen zu den häufigsten chronischen Krankheiten des zentralen Nervensystems. Etwa 4–5 % der Menschen erleidet einmal im Leben einen epileptischen Anfall. Ein einzelner
epileptischer Anfall ist noch keine Epilepsie, sondern gilt als Gelegenheitsanfall. Erst wenn  mindestens 2 unprovozierte epileptische Anfälle, d. h. Anfälle ohne erkennbaren Auslöser,  aufgetreten sind, wird von einer Epilepsie gesprochen. Rund 0,5–1 % der Bevölkerung weltweit leiden unter einer Epilepsie. In Deutschland sind etwa 600.000 Menschen betroffen. Die Neuerkrankungszahl pro Jahr (Inzidenz) in Deutschland liegt bei ca. 0,04 %. Das entspricht ca. 38.000 neuen Betroffenen jährlich.

Epilepsien können in jedem Lebensalter auftreten. Das Risiko, daran zu erkranken, ist im Kindes- und Jugendalter am höchsten und steigt dann erst nach dem 60. Lebensjahr wiede an. Dabei manifestiert sich die Hälfte der Epilepsien vor dem 10. Lebensjahr, zwei Drittel beginnen vor dem 20. Lebensjahr.1
 

Eine Epilepsie ist wie ein
Eine Epilepsie ist wie ein "Kurzschluss" im Gehirn.

Klassifizierung der Epilepsien

Entsprechend ihrem Erscheinungsbild lassen sich Epilepsien in 2 Gruppen einteilen:

  1. Generalisierte Anfälle
  2. Fokale Anfälle

Generalisierte Anfälle

Generalisierte Anfälle sind nicht auf eine bestimmte Hirnregion oder Hirnhälfte begrenzt, sondern betreffen das gesamte Gehirn. Sie treten in verschiedenen Formen auf:

  • Tonisch-klonische Anfälle (Grand-mal-Epilepsie)
  • Absencen (Petit-mal-Epilepsie)
  • Myoklonische Anfälle
  • Klonische, tonische, atonische und akinetische Anfälle

Tonisch-klonische Anfälle

Der tonisch-klonische Anfall (Grand-mal-Anfall) ist die bekannteste und häufigste Anfallsform. Unterschieden wird zwischen primär generalisierten und sekundär generalisierten tonisch-
klonischen Anfällen. Bei ersteren ist das gesamte Gehirn von Anfang an in das  Anfallsgeschehen mit einbezogen, bei letzteren entwickelt sich der Anfall aus einer fokalen Anfallsform heraus, bei der nur ein Hirnareal betroffen ist.

Manche Patienten berichten über eine veränderte Wahrnehmung der Sinne und Gefühle, die dem Anfallsgeschehen Sekunden bis Minuten vorausgeht. Dieses Vorgefühl wird auch als Aura bezeichnet und kann sich in körperlichen Missempfindungen (Parästhesien), Druckgefühl im Bauch, visuellen, geschmacklichen, geruchlichen oder akustischen Halluzinationen, psychischen Veränderungen,emotionalen Zuständen oder Déjà-vu-Erlebnissen äußern.

Der eigentliche Grand-mal-Anfall verläuft in mehreren Phasen. Er beginnt mit der tonischen Phase, die häufig durch einen Initialschrei eingeleitet wird. Der Betroffene stürzt abrupt und mit großer Heftigkeit bewusstlos zu Boden. Da die Schutzreflexe ausfallen, besteht hier eine vermehrte Verletzungsgefahr. In der tonischen Phase ist die Muskelspannung erhöht, es kommt zu Streckkrämpfen der Extremitäten. Eine Störung der Atmung kann zu einem  Sauerstoffmangel mit Zyanose (bläulicher Verfärbung) führen. Nach etwa 10 bis 30 Sekunden
schließt sich die klonische Phase mit motorischen Zuckungen in Armen und Beinen an. Während des Anfalls kommt es nicht selten zu einem Zungenbiss, Schaum vor dem Mund  sowie unkontrolliertem Urin- und – seltener – Stuhlabgang. Es folgt die postkonvulsive Phase, in der die Muskulatur erschlafft (Nachschlafphase). Die Betroffenen fühlen sich müde und  erschöpft oder können in einen Tiefschlaf fallen. Die Re-Orientierungkann verzögert sein. Dieser Zustand dauert Minuten bis Stunden. Symptome wie Kopfschmerzen, Schwindel oder  Muskelkater können noch mehrere Tage anhalten.

Absencen

Als Absencen werden kurze, etwa 10 bis 30 Sekunden andauernde Abwesenheitszustände mit  Bewusstseinsstörungen bezeichnet, die manchmal von unwillkürlichen Augen-, Kopf- und Mundbewegungen oder Bewegungen anderer Muskeln begleitet werden. Eine Tätigkeit wird  plötzlich unterbrochen und nach der Absence fortgeführt, als ob nichts geschehen wäre. Der  Betroffene ist während des Anfalls nicht ansprechbar und kann sich danach nicht daran erinnern (Amnesie).

Aufgrund der kurzen Dauer der Absencen werden diese manchmal nicht als Anfälle erkannt und als geistige Verwirrtheit oder Tagtraum fehlgedeutet. Die Anfallshäufigkeit kann bei Absencen stark variieren, von wenigen Anfällen pro Jahr bis zu 100 Anfällen täglich. Absencen treten meist bei Kindern, vor allem im schulpflichtigen Alter, auf. Mädchen sind etwas häufiger betroffen als Jungen.

Myoklonische Anfälle

Myoklonische Anfälle äußern sich durch kurze, plötzlich einschießende Muskelzuckungen der Extremitäten oder des gesamten Körpers. Die Arme sind häufiger betroffen als die Beine. Dabei können in den Händen gehaltene Gegenstände durch den Raum geschleudert werden. Im  Unterschied zu fast allen anderen generalisierten Anfällen, nehmen die Patienten das  Geschehen bewusst wahr. Myoklonische Anfälle treten meist bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen im zweiten Lebensjahrzehnt auf. Am häufigsten betroffen ist die Altersgruppe der 12- bis 18-Jährigen.

Klonische, tonische, atonische und akinetische Anfälle

  • Klonische Anfälle sind durch rasch aufeinander folgende Muskelzuckungen gekennzeichnet
  • Bei tonischen Anfällen findet eine vermehrte Muskelkontraktion statt, die von wenigen Sekunden bis zu einigen Minuten andauern kann
  • Atonische Anfälle gehen einher mit einem plötzlichen Verlust des Tonus der Haltemuskulatur. In der Folge stürzt der Betroffene zu Boden. Begleitet werden können die „Sturzanfälle“ von Muskelzuckungen im Gesicht und Blinzeln. Dies dauert meist nur wenige Sekunden. Auch hier bleibt das Bewusstsein erhalten
  • Akinetische Anfälle sind eine Form des atonischen epileptischen Anfalls, bei der zusätzlich zum Verlust der Muskelkraft ein Verlust der Bewegungsfähigkeit auftritt. Die Anfälle dauern meist 30 bis 60 Sekunden

Fokale Anfälle

Fokale oder partielle Anfälle gehen von einem ganz bestimmten Hirnareal aus und bleiben meist auf dieses begrenzt. Breiten sie sich auf angrenzende Hirngebiete aus, können sie in einen generalisierten Anfall übergehen. Man spricht dann von einem fokalen Anfall mit sekundärer Generalisierung. Die Symptome, die während des Anfalls auftreten, lassen häufig
einen Rückschluss auf den Entstehungsort im Gehirn zu.

Unterschieden wird zwischen

  1. einfach fokalen Anfällen und
  2. komplex fokalen Anfällen.

Bei einfach fokalen Anfällen besteht keine Beeinträchtigung des Bewusstseins. Der Betroffene bekommt den Anfall mit und kann ihn meist gut beschreiben.

Die Symptomatik umfasst:

  • Motorische Störungen: Bewegungsabläufe einzelner Muskelgruppen des Gesichts, einer Hand oder eines Fußes sind betroffen
  • Sensible Störungen: z. B. Gefühllosigkeit, Kribbeln, Brennen, Schmerzen, abnormes Temperaturempfinden
  • Sensorische Störungen: z. B. Störungen der optischen, akustischen, haptischen, olfaktorischen und gustatorischen Wahrnehmung
  • Vegetative Störungen: z. B. Schwitzen, Herzrasen
  • Psychische Störungen: z. B. Angstgefühle, Aggression, Trauer, Unwirklichkeitsgefühl, Déjà-vu-Erlebnisse

Komplex fokale Anfälle sind hingegen mit einer Bewusstseinsstörung verbunden. Begleitet werden können sie von Automatismen, also spontan ablaufenden Vorgängen oder Bewegungsabläufen, die nicht bewusst oder willentlich beeinflusst werden. Dies können mehr oder weniger koordinierte Bewegungen wie Kauen, Schmatzen, Nesteln, Kratzen, Zupfen oder Streicheln sein. Bei länger dauernden komplex fokalen Anfällen kann es auch zu geordneten und komplizierteren Handlungsabläufen kommen. So können sich Patienten an- und ausziehen,
ziellos umherlaufen, bestimmte Wortfolgen wiederholen oder auch alltäglichen Verrichtungen nachgehen.
 

Im Gegensatz zu fokalen Anfällen lassen sich generalisierte nicht auf eine Hirnregion begrenzen.
Im Gegensatz zu fokalen Anfällen lassen sich generalisierte nicht auf eine Hirnregion begrenzen.

Status epilepticus

Als Status epilepticus wird ein persistierender (anhaltender) epileptischer Anfall bezeichnet. Ein Status liegt dann vor, wenn der Anfall länger als 5 Minuten dauert oder bei einer Anfallsserie, bei welcher der Betroffene im Intervall das Bewusstsein nicht wiedererlangt. Generell kann jeder Anfall in einen Status übergehen.

Gelegenheitsanfälle

Ein Gelegenheitsanfall ist ein durch eine besondere Situation ausgelöster epileptischer Anfall. Durch äußere oder innere Faktoren kommt es bei Menschen, die nicht an Epilepsie leiden, zu einer erhöhten neuronalen Erregbarkeit der Hirnrinde, die sich in einem epileptischen Anfall zeigt. In der Mehrzahl der Fälle handelt es sich dabei um einen Grand-mal-Anfall.

Provokationsfaktoren sind u. a.:

  • Schlafmangel und Schlafentzug
  • Fieber und Infektionskrankheiten
  • Medikamente
  • Elektrolytstörungen
  • Stoffwechselentgleisungen, z. B. beim Diabetes mellitus
  • Hitzestauung
  • Exzessiver Alkoholkonsum
  • Entzugssyndrome
  • Vergiftungen

Eine neurologische Abklärung ist in jedem Fall notwendig, auch wenn sich in der Regel für den Betroffenen keine weiteren Konsequenzen ergeben und/oder keine weitere medikamentöse antiepileptische Behandlung erforderlich ist. Entscheidend ist, dass die Provokationsfaktoren erkannt und vermieden werden.

Altersepilepsie

Epilepsien sind nach Hirninfarkten und Demenzerkrankungen die dritthäufigste Erkrankung des Gehirns im höheren Lebensalter. Aufgrund der demografischen Entwicklung wird ihr Anteil in der Bevölkerung in Zukunft voraussichtlich noch steigen.2 Während der Anteil der Personen, der zu einem bestimmten Zeitpunkt an Epilepsie erkrankt ist (Prävalenz), in der Gesamtbevölkerung bei 0,5–1 % liegt, beträgt sie bei den über 75-Jährigen 1,5 % und bei den über 85-Jährigen 2,5 %. Die Inzidenz verdoppelt sich nach dem 60. Lebensjahr. Bei den Altersepilepsien handelt es sich in der Mehrzahl der Fälle um strukturell-metabolische Epilepsien mit fokaler Genese.

Zu den häufigsten Ursachen zählen:3

  • Zerebrovaskuläre Erkrankungen und Schlaganfälle (50–70 %)
  • Intrazerebrale Blutungen (5–10 %)
  • Neurodegenerative Erkrankungen (5–10 %)
  • Hirntumore (5–10 %)
  • Hirnbeteiligung bei internistischen Grunderkrankungen (5–10 %)

Bei etwa 25–50 % der sich im Alter erstmals manifestierten Epilepsien findet sich keine Ursache.
 

Epilepsien sind die dritthäufigste Erkrankung des Gehirns im höheren Lebensalter.
Epilepsien sind die dritthäufigste Erkrankung des Gehirns im höheren Lebensalter.

Diagnostik

Generell sollte jeder erstmalig aufgetretene Anfall von einem Facharzt abgeklärt werden. Notwendige Schritte sind Anamnese, Anfallsbeschreibung, Vorgeschichte und Medikamentenanamnese. Da die Patienten den Anfall häufig nicht selbst beschreiben können, sind Angaben von Personen wichtig, die den Anfall möglicherweise miterlebt haben. Im Idealfall haben sie das Geschehen auf ihrem Handy mit einer Videosequenz aufgezeichnet. Ansonsten erlaubt oft schon die Beschreibung allein eine Anfallsklassifizierung.

Um anfallsauslösende Faktoren zu erkennen, ist die Klärung der Vorgeschichte wichtig: Wie sind Schwangerschaft, Geburt und frühkindliche Entwicklung verlaufen? Liegen Erkrankungen und Unfälle mit Schädel-Hirn-Verletzungen vor? Ist in der Familie eine Epilepsie bekannt?

Weitere diagnostische Maßnahmen:

  • Klinisch-neurologische und psychiatrische Untersuchung
  • Blutuntersuchung, u. a. mit Bestimmung von Blutzucker und Elektrolyten sowie bei Verdacht ein Drogenscreening
  • Elektroenzephalographie (EEG) zum Nachweis epilepsietypischer Veränderungen
  • Computertomographie (CT) oder Kernspintomographie (MRT) des Schädels zum Ausschluss einer hirnorganischen Ursache
  • Hirnwasseruntersuchung (Liquordiagnostik) bei Verdacht auf einen entzündlichen Prozess im zentralen Nervensystem
  • Bei speziellen Fragestellungen:
    • EEG-Ableitung mit Provokationsmethoden wie
    • Hyperventilation, Flickerlicht und Schlafentzug
    • Langzeit-EEG

 

1Vgl. Deutsche Epilepsievereinigung e. V.: www.epilepsie-vereinigung.de/epilepsie/krankheitsbild

2www.aerzteblatt.de/archiv/63517/Altersepilepsie

3www.epilepsie-netz.de/116/Altersepilepsie.htm

 

 

 

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