Zuletzt aktualisiert am 20. Januar 2022

Bipolare Störungen

Gelegentliche Stimmungsschwankungen, gute und schlechte Tage – das kennt jeder. Bei Menschen mit bipolarer Störung sind diese Schwankungen aber sehr stark ausgeprägt. Das Spannungsfeld zwischen euphorischem und depressivem Lebensgefühl ist für die Patienten sehr belastend.

Einteilung, Symptome und Verlauf

Bei der bipolaren (affektiven) Störung, früher auch manisch-depressive Erkrankung genannt, kommt es zu mehreren wiederkehrenden Episoden, in denen nicht nur die Stimmung wechselt, sondern in der Folge auch das Aktivitätsniveau und das Denken stark beeinträchtigt sind. Die Betroffenen pendeln zwischen manischen Phasen des Tatendrangs mit einem himmelhochjauchzenden Hochgefühl und depressiven Phasen mit niedergedrückter Stimmung und vermindertem Antrieb.

Die Schwankungen und Verläufe der einzelnen Episoden sind individuell sehr verschieden. So variiert die Dauer der einzelnen Krankheitsepisoden zwischen einigen Tagen, mehreren Monaten und in seltenen Fällen sogar Jahren. Unbehandelt dauert eine depressive Krankheitsepisode im Durchschnitt zwischen 4 und 12 Monaten, manische Episoden sind in der Regel deutlich kürzer.1 Dabei können die Episoden direkt ineinander übergehen oder auch (jahre-)lange beschwerdefreie Zeiten dazwischen liegen.
 

Eine depressive Krankheitsepisode kann im Durchschnitt 4-12 Monate dauern
Eine depressive Krankheitsepisode kann im Durchschnitt 4-12 Monate dauern

 

Von einer Manie spricht man, wenn die Stimmung vorwiegend gehoben, expansiv oder gereizt und für den Betroffenen deutlich abnorm ist. Die Episode dauert wenigstens 1 Woche und ist schwer genug, um die berufliche und soziale Funktionsfähigkeit mehr oder weniger vollständig zu unterbrechen.

Es müssen mindestens 3 der folgenden Merkmale vorliegen (4, wenn die Stimmung nur gereizt ist) und eine schwere Störung der alltäglichen Lebensführung verursachen:2
 

  1.  Gesteigerte Aktivität oder motorische Ruhelosigkeit
  2.  Gesteigerte Gesprächigkeit („Rededrang„)
  3.  Ideenflucht oder subjektives Gefühl von Gedankenrasen
  4.  Verlust normaler sozialer Hemmungen, was zu einem den Umständen unangemessenen  Verhalten führt
  5.  Vermindertes Schlafbedürfnis
  6.  Überhöhte Selbsteinschätzung oder Größenwahn
  7.  Ablenkbarkeit oder andauernder Wechsel von Aktivitäten und Plänen
  8.  Tollkühnes oder rücksichtsloses Verhalten, dessen Risiken die Betroffenen nicht erkennen, z. B. Ausgaben von Lokalrunden, törichte Unternehmungen, rücksichtsloses Fahren
  9.  Gesteigerte Libido oder sexuelle Taktlosigkeit
     

Bei besonders ausgeprägten, schwerwiegenden manischen Episoden treten u. U. auch psychotische Symptome wie z. B. Verfolgungswahn, Wahnideen und Halluzinationen auf.3


Eine Hypomanie ist eine abgeschwächte Form der Manie. Die Stimmung ist leicht gehoben (wenigstens einige Tage hintereinander), Antrieb und Aktivität gesteigert. Der Patient empfindet gewöhnlich ein auffallendes Gefühl von Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit. Gesteigerte Geselligkeit, Gesprächigkeit, übermäßige Vertraulichkeit, gesteigerte Libido und vermindertes Schlafbedürfnis sind häufig vorhanden, aber nicht in dem Ausmaß, dass sie zu einem Abbruch der Berufstätigkeit oder zu sozialer Ablehnung führen. Konzentration und Aufmerksamkeit können aber beeinträchtigt sein, und damit auch die Fähigkeit, sich der Arbeit zu widmen, sich zu entspannen und zu erholen. Zudem können Reizbarkeit, eingebildetes Auftreten und flegelhaftes Verhalten anstelle der (häufigeren) euphorischen Geselligkeit auftreten.4

Von einer depressiven Episode spricht man, wenn über einen Zeitraum von mindestens 2 Wochen folgende Symptome (je nach Schweregrad mindestens 2 Haupt- und 2 Zusatzsymptome) auftreten:5

 

 Hauptsymptome

 

  • Depressive Stimmung
  • Verlust von Interesse und Freude
  • Antriebsmangel, erhöhte Ermüdbarkeit

 Zusatzsymptome

 

  • Vermindertes Selbstwertgefühl
  • Schuldgefühle, Gefühl der Wertlosigkeit
  • Suizidgedanken, Selbstverletzungen oder Suizidhandlungen
  • Verminderte Konzentration und Aufmerksamkeit
  • Unentschlossenheit
  • Negative und pessimistische Zukunftsperspektiven
  • Schlafstörungen
  • Verminderter Appetit

 

 

Von einer gemischten Episode spricht man, wenn (hypo)manische und depressive Symptome entweder innerhalb weniger Stunden wechseln oder gleichzeitig auftreten. Die Betroffen fühlen sich beispielsweise sowohl getrieben und erregt, als auch mutlos und deprimiert.6

Mögliche Krankheitsverläufe

Entsprechend des Verlaufs der Krankheitsepisoden und deren Ausprägung können bipolare Störungen nach folgendem Schema eingeteilt werden, wobei bei jedem Patienten die Episoden ihrem eigenen Rhythmus folgen:

Bipolar-I-Störung

Bipolar-I- und Bipolar-II-Störungen eint, dass zu Beginn häufig depressive Episoden vorkommen, was zunächst auf eine „normale“ Depression hindeutet. Von einer Bipolar-I-Störung spricht man, wenn der Betroffene eine Episode der voll ausgeprägten Manie hat, gefolgt von mindestens einer voll ausgeprägten depressiven Episode. Zwischen den akuten Krankheitsphasen liegen in der Regel beschwerdefreie Intervalle.

Bipolar-II-Störung

Sie ist dadurch gekennzeichnet, dass im Verlauf der Erkrankung mindestens eine hypomanische und zusätzlich mindestens eine depressive Episode auftreten, jedoch keine manische Episode. Typisch ist ein Verlauf mit zahlreichen depressiven Episoden. Zwischen den Akutphasen liegen auch hier in der Regel beschwerdefreie Intervalle.

Zyklothyme Störung

Die Zyklothymie markiert innerhalb des bipolaren Spektrums den Grenzbereich zu Temperaments- bzw. Persönlichkeitscharakteristika. Die Stimmung der Patienten ist über einen Zeitraum von mindestens 2 Jahren fortwährend entweder leicht gehoben oder leicht gedrückt. Die Stimmungsschwankungen sind jedoch zu keiner Zeit so stark ausgeprägt, dass die Kriterien einer Manie oder einer mindestens mittelgradigen depressiven Episode erfüllt wären. Zyklothymie tritt häufig bei Verwandten von Patienten mit bipolarer Störung auf.

Rapid Cycling

Von Rapid Cycling spricht man, wenn der Betroffene 4 oder mehr abgrenzbare Episoden von Stimmungsstörungen (Manie, Hypomanie, Depression oder gemischte Episode) innerhalb eines Jahres durchlebt.

Die Abgrenzung der o. g. Verlaufsformen ist insbesondere im Hinblick auf die Behandlungsmöglichkeiten relevant. Während Patienten mit Bipolar-I / II-Störungen und Rapid Cycling in der Regel stets medikamentös behandelt werden sollten, hängt es bei Erkrankten mit einer Zyklothymen Störung vom persönlichen Leidensdruck ab, ob eine entsprechende Therapie eingeleitet werden muss.

Zu berücksichtigen ist auch, dass Manien bzw. Bipolar-I-Störungen häufig erst dann als Problem wahrgenommen werden, wenn die Konsequenzen sehr dramatisch sind (z. B. große Schulden, polizeilich durchgeführte Klinikunterbringung, Arbeitsplatzverlust, Diskussion um gerichtlich bestimmte Betreuung, Arbeitsunfähigkeit, Berentung etc.) oder wenn subjektiv belastende depressive Episoden auftreten.7

Ursachen und Entstehungsbedingungen

Die Frage nach den Ursachen für die Entstehung bipolarer Störungen ist noch nicht abschließend geklärt. Wahrscheinlich ist von einem Zusammenwirken mehrerer Faktoren auszugehen. Neben einer relativ starken genetischen Komponente, die wahrscheinlich eine erhöhte Empfänglichkeit für die Erkrankung bedingt, spielen Umwelteinflüsse und Persönlichkeitscharakteristika offenbar eine entscheidende Rolle.

Etwa 50 % der Betroffenen haben Verwandte, die selbst an einer bipolaren Störung erkrankt sind. Entstehung und Verlauf bipolarer Erkrankungen werden aber auch wesentlich von der persönlichen Biographie, der Sozialisation und persönlichen Entwicklung sowie familiären und psychosozialen Faktoren (z. B. Stress, belastende Lebensereignisse) mitbeeinflusst.8

Darüber hinaus können auch andere Erkrankungen, Medikamente und Drogen- oder Alkoholkonsum das Gleichgewicht von Hormonen und Botenstoffen im Gehirn beeinflussen und so zum Ausbruch einer bipolaren Störung beitragen.

Diagnosestellung

Die meisten Patienten erkranken erstmalig in der Jugend oder im jungen Erwachsenenalter.9 Aufgrund der sehr individuellen Krankheitsverläufe und der Tatsache, dass die erstmalige Manifestation oft in die - für ihre Stimmungsschwankungen bekannte - Pubertät fällt, ist der Weg bis zur Diagnosestellung in vielen Fällen sehr lang. In der Regel werden Patienten mit bipolaren Erkrankungen erst 5 bis 10 Jahre nach Manifestation der Erkrankung erstmals korrekt diagnostiziert und adäquat behandelt. In dieser Latenzzeit erleiden viele der Betroffenen mehrere Episoden und sind einen erheblichen Teil der Zeit krank, vor allem depressiv.10

Erkrankte versuchen häufig, depressive Phasen zu ignorieren. (Hypo)Manische Episoden erleben sie dagegen oftmals nicht als belastend oder krankhaft, sondern als angenehm und befreiend. Daher suchen viele Betroffene erst spät ärztliche Hilfe.

Der Arzt ist im Gespräch auf die Ausführungen des Patienten und – im Idealfall – zusätzliche Informationen von Angehörigen über die wechselnden Gemütszustände des Patienten angewiesen, um die Symptome zu erkennen und Fehldiagnosen (z. B. Depression) vermeiden zu können.

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Therapieoptionen bei Bipolaren Störungen

Grad der Behinderung bei Bipolaren Störungen

Leben mit bipolaren Störungen

Krisenplan für Notfälle

 

 
 
 
 
 
 
 

 

 

1https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/psychiatrie-psychosomatik-psychotherapie/erkrankungen/bipolare-erkrankungen/prognose-und-verlauf/

2„S3-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie Bipolarer Störungen. Konsultationsversion“. DGBS e.V. und DGPPN e.V. Langversion 2.0, Update November 2018; S. 410.

3https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/psychiatrie-psychosomatik-psychotherapie/erkrankungen/bipolare-erkrankungen/krankheitsbild/

4„S3-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie Bipolarer Störungen. Konsultationsversion“. DGBS e.V. und DGPPN e.V. Langversion 2.0, Update November 2018; S. 412.

5Ebd. S. 413.

6Ebd. S. 42.

7„Bipolare Störungen - Eine Erkrankung mit zwei Gesichtern. Eine Informationsschrift der Deutschen Gesellschaft für Bipolare Störungen e.V. für Patienten und Angehörige“. 2011; S. 2.

8„Im Wechselbad der Gefühle Manie und Depression - die bipolare Störung: Ratgeber für Betroffene und Angehörige“. Ulrike Schäfer, Volker Mehlfeld, Rita Bauer, Michael Bauer. Hrsg. Deutsche Gesellschaft für Bipolare Störungen (DGBS) e.V. 2011; S. 7ff.

9Ebd. S.10.

10„S3-Leitlinie - Diagnostik und Therapie bipolarer Störungen“. Hrsg. DGBS, DGPPN, 2013, XXVII; S. 21.

 

 

 

 

 




 

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