Zuletzt aktualisiert am 20. Dezember 2021

Therapieoptionen bei Angststörungen

Abhängig von der Form und Ausprägung der Angststörung sowie der individuellen Lebenssituation des Patienten, kann die Behandlung verschiedene Ziele verfolgen. Dazu können das Abschwächen der Angstsymptome, das Abbauen des Vermeidungsverhaltens
und der damit verbundenen Alltagseinschränkungen sowie die Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit zählen.

Eine Therapie ist besonders wichtig, um chronische Verläufe zu vermeiden. Je früher Angsterkrankungen professionell behandelt werden, desto größer sind die Heilungschancen. Genauso bedeutsam sind die Mitwirkung und das Einverständnis des Patienten. Daher sollten Betroffene sich vorab umfangreich informieren und alle möglichen Behandlungsoptionen gemeinsam mit dem Arzt oder Therapeuten besprechen.

Der erste Besuch beim Arzt oder psychologischen Psychotherapeuten ist häufig mit Nervosität verbunden. Um alle wichtigen Informationen einzuholen, sind folgende Fragen hilfreich:

  • Welche Behandlungsmöglichkeiten kommen in Frage?
  • Welche Vor- und Nachteile haben diese?
  • Wie lange dauert die Behandlung?
  • Wie oft findet sie statt?
  • Mit welchen Wartezeiten muss ich rechnen?
  • Welche Kosten trägt die Krankenkasse?
  • Kommen Kosten auf mich zu?
  • Wie kann ich selbst zu meiner Genesung beitragen?
  • Was können Angehörige und Freunde tun?

Behandlungsverfahren

Zur Behandlung von Angststörungen kommen psychotherapeutische Verfahren, eine begleitende medikamentöse Therapie sowie weitere Behandlungsmöglichkeiten in Frage. Sie
können auch miteinander kombiniert werden. Bei der Auswahl der Therapie sollten Faktoren wie vorangegangene Behandlungen, Substanzgebrauch des Patienten, Begleiterkrankungen oder die regionale Verfügbarkeit von Behandlungsmöglichkeiten berücksichtigt werden.

Die Therapiewahl hängt zudem von der Form der Angststörung ab. Bei sozialer Phobie,  generalisierter Angststörung, Panikstörung oder Agoraphobie werden in der Regel psychotherapeutische und medikamentöse Verfahren kombiniert. Spezifische Phobien werden selten medikamentös, sondern überwiegend psychotherapeutisch behandelt.1

Ambulante oder stationäre Versorgung

Ein Großteil der Menschen mit Angststörungen wird ambulant behandelt. Sie erhalten eine Überweisung zur fachspezifischen Versorgung. Ein  Aufenthalt in Krankenhäusern oder Tageskliniken ist möglich bei Patienten, die besonders schwere Angstsymptome aufweisen, unter weiteren Erkrankungen leiden (Komorbidität), in einem belasteten sozialen Umfeld leben oder ambulante Maßnahmen ausgeschöpft haben. Stationäre oder teilstationäre Behandlungen erfolgen an Fachkrankenhäusern,  Universitätsabteilungen sowie Fachabteilungen in Allgemeinkrankenhäusern.

Psychotherapie

Die Psychotherapie ist neben der Verordnung von Arzneimitteln das wichtigste Instrument bei der Behandlung seelischer Probleme.

Voraussetzungen für die Bewilligung einer Psychotherapie

  • Eine psychische Erkrankung wurde diagnostiziert
  • Ein Behandlungserfolg ist zu erwarten, das heißt: Der Patient ist motiviert, hat die nötige Persönlichkeitsstruktur und ist in der Lage, aktiv an der Therapie teilzunehmen
  • Der Betroffene nimmt keine Suchtmittel bzw. ist voraussichtlich nach maximal 10 Therapiestunden abstinent

Psychotherapeutische Behandlungsformen

Die gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland finanzieren verschiedene psychotherapeutische Verfahren. Bei der Behandlung von Angststörungen ist die kognitive Verhaltenstherapie am besten wissenschaftlich untersucht und hat sich als besonders wirksam erwiesen. Daneben können auch tiefenpsychologische Verfahren angewendet werden. Welche
Therapieform geeignet ist, können Betroffene gemeinsam mit ihrem Arzt oder Psychotherapeuten ermitteln.

Kognitive Verhaltenstherapie (KVT)

Basierend auf kognitiv-behavioralen Theorien geht die kognitive Verhaltenstherapie davon aus, dass wesentliche Verhaltens- und Denkmuster im Laufe des Lebens erlernt werden. Bestimmte Erlebnisse oder Erfahrungen führen dazu, dass Menschen für sie belastende Überzeugungen entwickeln. Aus diesen häufig verzerrten oder unrealistischen Denkweisen resultieren Ängste, die eine Angststörung mitverursachen können.

Zu Beginn der KVT reflektiert der Patient gemeinsam mit dem Therapeuten die Entstehung seiner Ängste und die genauen Umstände, die diese aufrechterhalten. Die Erkenntnis, dass ihre Ängste aus einem belastenden Erlebnis oder langanhaltendem Stress entstanden sind und den körperlichen Reaktionen während der Angstsituation keine schwerwiegende physische Erkrankung zugrunde liegt, ist für viele eine Erleichterung.

Im weiteren Verlauf lernt der Patient, seine belastenden Gedankenstrukturen neu zu bewerten und seine Ängste so zu verringern. Ziel der Therapie ist es, sich den angstauslösenden Situationen nach und nach zu stellen. Der Betroffene kann so erfahren, dass die Angst abschwächt und die befürchteten negativen Ereignisse nicht eintreten.



Neben der Neubewertung von Denkmustern gelten auch die Psychoedukation, Gedankenstopp-Techniken, das Lernen von anderen Menschen in Gruppen (Modelllernen) und die sogenannte Expositionstherapie als Bestandteile der KVT. Bei einer Expositionstherapie (auch Konfrontationstherapie genannt) begeben sich Betroffene gedanklich („in sensu“) oder
in der Realität („in vivo“) therapeutisch begleitet in Angstsituationen. Die Therapie eignet sich vor allem für Patienten, die Angstauslösern aus dem Weg gehen. So lernen sie, das Vermeidungsverhalten abzubauen. Die Techniken der KVT helfen dem Patienten,  Bewältigungsstrategien zu erlernen und im Alltag umzusetzen. Grundlegend für den Therapieerfolg sind dabei Geduld und Durchhaltevermögen sowie eine vertrauensvolle Beziehung zum Therapeuten.2

Einige verhaltenstherapeutische Verfahren der sogenannten „Dritten Welle“ sind bei Angststörungen ebenfalls sehr gut erforscht und wirksam. Insbesondere die Akzeptanz- und Commitment- Therapie (ACT, gesprochen wie das engl. Wort „act“) ist bei Angststörungen anwendbar. Dabei werden verhaltenstherapeutische Techniken mit achtsamkeits- und akzeptanzbasierten Strategien sowie mit Interventionen zur Werteklärung kombiniert. Durch die Arbeit an den eigenen Grundüberzeugungen und Handlungen können Angstgedanken angegangen werden.3

 

Beispiel

Auf dem Weg zur Arbeit nimmt Tim eigentlich die U-Bahn. Seit einiger Zeit vermeidet er  diese allerdings. Er stellt sich während der Fahrt lebhaft vor, dass die U-Bahn im Tunnel  stehen bleibt, ein Feuer ausbricht und sich die Bahntüren nicht öffnen lassen. Die Gedanken lösen große Ängste in ihm aus.

Tim begibt sich in psychotherapeutische Behandlung. Im Laufe der Therapie begleitet  Tims Therapeutin ihn bei einer U-Bahn Fahrt. Gemeinsam haben sie die Situation  vorbereitet. Die Therapeutin hat ihm die Entstehung der Angst, den Teufelskreis sowie die während der Angst auftretenden körperlichen Phänomene erklärt. Tim nimmt während  dem U-Bahn Fahren seine Angst zunächst als ansteigend wahr. Nach einiger Zeit merkt er jedoch, wie die Angst wieder abnimmt.

Dieses Phänomen bezeichnet seine Therapeutin als Habituation. Tim nimmt dies dann  genauso bei seiner ersten Fahrt allein wahr. Gemeinsam mit seiner Therapeutin gelingt es ihm, seine Gedanken zu ändern: „Die U-Bahn bleibt ab und an im Tunnel stehen. Dies  bedeutet aber sehr wahrscheinlich noch keine Gefahr. Meist fährt sie nach wenigen  Minuten weiter. Ein Feuer ist bisher noch nie ausgebrochen, obwohl ich schon seit 5  Jahren mit der U-Bahn zur Arbeit fahre.“

Psychodynamische Verfahren

Zu den psychodynamischen Verfahren zählen die analytische sowie die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie. Die an möglichen Ursachen orientierte Therapieform geht davon
aus, dass alle Denk- und Handlungsweisen durch unbewusste Erfahrungen beeinflusst werden. Hinter starken Ängsten stehen demnach vor allem innere, unbewusste Konflikte, die
durch bestimmte Ereignisse ausgelöst wurden. Während der Behandlung ergründen Therapeut und Patient in Gesprächen zunächst den zugrundeliegenden Konflikt und bearbeiten ihn  anschließend. Durch die sorgfältige Aufarbeitung der Angstsituationen, beginnen die Betroffenen, die unbewusste Bedeutung ihrer Angstsymptome zu verstehen. Die Angst vor der „aufkommenden Katastrophe“ stellt einen inneren Konflikt dar, der häufig aus vergangenen Beziehungen entstammt und nicht ihrer momentanen Lebenswelt entspricht. Voraussetzung für den Erfolg einer psychodynamischen Therapie ist ein hohes Maß an Offenheit und Vertrauen gegenüber dem Psychotherapeuten.5

Beispiele psychotherapeutischer Behandlungsmöglichkeiten

ANGSTSTÖRUNGEN MIT  KONKRETEN AUSLÖSERN (PHOBIEN)

PSYCHOTHERAPEUTISCHE UNTERSTÜTZUNG

Agoraphobie

z. B. Konfrontations-/Expositionstherapie Therapeutisch  begleitete, behutsame und schrittweise Konfrontation  mit angstauslösenden Situationen
Beispiel: Aufsuchen von Orten mit langsam ansteigender Anzahl von Menschen bzw. räumlicher Enge, z. B. Bus fahren, Kaufhäuser betreten, Fahrstuhl fahren

Spezifische Phobien

z. B. Konfrontations-/Expositionstherapie Therapeutisch begleitete, behutsame und schrittweise Konfrontation  mit angstauslösenden Reizen
Beispiel: Zunächst Betrachten von Bildern oder Videos des angstauslösenden Reizes; später dann reale Konfrontation mit dem spezifischen Reiz, z. B. Begegnung mit einem Hund bei einer Hundephobie; Besteigen eines Turms bei Höhenangst
 

Soziale Phobie

z. B. mehrstufige Verhaltenstherapie
Beispiel: 1. Stufe: Erkennen und Hinterfragen von unrealistischen Ängsten und Sorgen 2. Stufe: „Rollenspiele“ und Übungen in geschützten Gruppen 3. Stufe: Aufsuchen von realen Kontakt-Situationen (Konfrontationstherapie)

 

ANGSTSTÖRUNGEN OHNE  KONKRETEN AUSLÖSER

PSYCHOTHERAPEUTISCHE UNTERSTÜTZUNG

Panikstörung/ Generalisierte Angststörung

z. B. Kognitive Umstrukturierung „Entkatastrophisieren“ der Angst; Negative Gedanken werden besprochen  und in positive Formulierungen umgewandelt
Beispiel: Symptom: Herzrasen → Negative Selbstinstruktion: Ich bekomme einen Herzinfarkt und werde sterben. → Positive Selbstinstruktion: Ich habe eine Panikattacke.  Bei Panik oder körperlichen Anstrengungen rast mein Herz. Das ist normal.

 

Psychotherapieanbieter

Jeweils unter der Voraussetzung der kassenärztlichen Zulassung können Patienten wählen zwischen:

  • Psychologischen Therapeuten
  • Ärztlichen Psychotherapeuten
  • Kinder- und Jugendpsychotherapeuten

Neben Therapeuten, die in freier Praxis oder in Kliniken tätig sind, empfiehlt sich auch die Anfrage nach einem Therapieplatz bei angehenden Therapeuten in Ausbildungsambulanzen der Ausbildungsinstitute für Psychotherapie. Eine Therapie dort wird meist nicht nur für den Patienten, sondern auch für den Therapeuten in Ausbildung ein Erfolgserlebnis. Insbesondere Patienten mit Angststörungen erhalten hier oft einen Platz.

Unabhängig von der gewählten Therapieform, sollte ein Psychotherapeut ermutigend, hoffnungsvoll und empathisch sein. Er sollte die Erwartungen des Patienten an die Behandlung abklären, ihm die Entstehung der Krankheit erklären und gemeinsame Therapieziele sowie Notfallstrategien mit ihm gemeinsam erarbeiten. Auch wenn sich die Suche nach einem geeigneten Psychotherapeuten teilweise langwierig gestaltet, sollten sich Betroffene nicht entmutigen lassen.

Beginn einer Psychotherapie

Zeitnah und niederschwellig erhalten Menschen mit einer Angststörung durch  psychotherapeutische Sprechstunden Zugang zur ambulanten Versorgung. In der Sprechstunde klärt der Psychotherapeut den Verdacht einer psychischen Erkrankung ab und stellt fest, ob  weitere fachspezifische Hilfen notwendig sind. Neben der Beratung und Klärung des  individuellen Behandlungsbedarfs, kann zusätzlich eine kurze psychotherapeutische  Intervention erfolgen.

Ein gutes, vertrauensvolles Verhältnis zum Therapeuten und die passende Therapieform sind für den Behandlungserfolg zentral. Daher können Betroffene Probestunden in Anspruch nehmen. Bevor die eigentliche Therapie beginnt, finden mindestens 2 und bis zu 4  Probesitzungen statt. Diese werden nicht auf die Therapie angerechnet.

Hinweis: Häufig müssen Patienten lange Wartezeiten für einen geeigneten Therapieplatz in Kauf nehmen. Wird im Anschluss an die Sprechstunde jedoch zeitnah eine Psychotherapie benötigt, kann der behandelnde Arzt eine psychotherapeutische Akutbehandlung durchführen. Die Maßnahme zielt darauf ab, eine Chronifizierung der Erkrankung zu vermeiden und akute Symptome zu lindern. Eine intensive Aufarbeitung findet in der anschließenden Psychotherapie statt.6

Antragsverfahren

Um eine psychotherapeutische Behandlung beginnen zu können, muss der Patient einen Antrag auf Feststellung der Leistungspflicht für Psychotherapie bei seiner gesetzlichen  Krankenkasse stellen. Gemeinsam mit einem Bericht des Psychotherapeuten über Diagnose, Indikation sowie Art und Dauer der angestrebten Therapie wird der Antrag durch einen  Gutachter der Krankenversicherung geprüft. Während des anonymisierten Verfahrens erhält die Krankenkasse keinen Einblick in die Patientendaten.

Wird der Antrag abgelehnt, kann der Patient Widerspruch einlegen.

Behandlungsumfang

Alle Behandlungsverfahren können in einzel­ oder in gruppentherapeutischen Sitzungen erfolgen. Sowohl in den psychodynamischen Verfahren als auch in der Verhaltenstherapie ist die Behandlungsfrequenz auf maximal 3 Behandlungsstunden pro Woche begrenzt.

Behandlungsdauer

Die Länge der Therapie ist abhängig von der Therapieform. In der Kurzzeittherapie können z. B. 12 Stunden als Einzeltherapie oder bis zu 12 Doppelstunden als Gruppentherapie, in der analytischen Psychotherapie bis zu 300 Stunden verschrieben werden. Eine Therapieeinheit dauert mindestens 50 Minuten.

Online-Therapie

Im digitalen Zeitalter spielen Online-Therapien eine immer größere Rolle. Für Menschen mit Angststörungen reicht das Angebot im Internet von Online-Psychotherapieprogrammen bis zu Apps für das Smartphone. Besonders unterstützend können Onlineprogramme bei längeren Wartezeiten auf einen Therapieplatz sein.

Online-Psychotherapien werden zum einen als Selbsthilfeprogramme ohne Anbindung an Therapeuten angeboten. Zum anderen können Betroffene Online-Selbsthilfen nutzen, bei denen sie mit Therapeuten z. B. per E-Mail in Kontakt stehen. Im Rahmen einer persönlichen psychotherapeutischen Behandlung können Therapeuten Onlinesprechstunden, z. B. in Form von Video-Telefonaten, ergänzend anbieten. Zusätzlich können für Menschen mit Angststörungen Apps für das Smartphone oder Tablet hilfreich sein, in denen sie Inhalte wie beruhigende Musik, Informationen zur Erkrankung, Entspannungsanleitungen oder Übungen zur Konfrontation mit Angstsituationen finden.

Inzwischen gibt es immer mehr Wirksamkeitsstudien zu Online-Therapieformen. Wissenschaftlich gesicherte Ergebnisse für eine hohe Effektivität von verhaltenstherapeutischen Onlineprogrammen liegen derzeit z. B. bei Panikstörungen vor. Es sind noch weitere Forschungen für allgemeingültige Aussagen zur Wirkung der unterschiedlichen Programme nötig.7

 

 

Medikamentöse Therapie

Zur Behandlung von Ängsten können auch Medikamente sinnvoll sein. Sie werden meist in Ergänzung zu einer Psychotherapie verschrieben, in welcher die Patienten den Umgang
mit ihren Ängsten erlernen. Ohne eine begleitende Therapie kann die Angst nach dem Absetzen der Medikamente schnell zurückkehren. Zur medikamentösen Therapie werden meist
Antidepressiva, Pregabalin oder in Ausnahmefällen Benzodiazepine verschrieben.

Antidepressiva wirken nicht nur gegen Depressionen, sondern dienen auch der längerfristigen Behandlung von Angststörungen. Sie sind die bei Angsterkrankungen am häufigsten eingesetzten Medikamente, da sie die Häufigkeit der Angstattacken und die Beschwerden der Betroffenen mindern. Antidepressiva greifen in den Gehirnstoffwechsel ein und bringen den gestörten Neurotransmitterhaushalt (insbesondere Serotonin und Noradrenalin) wieder ins Gleichgewicht. Zudem beeinflussen sie die Informationsverarbeitung im Gehirn.

Antidepressiva besitzen unterschiedliche Wirkprofile. Für die Behandlung von Angststörungen kommen in Frage:22

  • Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) z. B. Escitalopram, Paroxetin
  • Selektive Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SSNRI) z. B. Duloxetin, Venlafaxin
  • Trizyklische Antidepressiva (TZA) z. B. Opipramol, Doxepin

Hinweis: Nicht alle Vertreter der aufgeführten Wirkstoffklassen haben eine nachgewiesene Wirkung und behördliche Zulassung für die Behandlung von Angststörungen.

Die gewünschte Wirkung stellt sich in der Regel erst nach 1 bis 3 Wochen ein. Betroffene sollten die Medikation nicht ohne Rücksprache mit dem Arzt wieder absetzen. In vielen Fällen ist für eine dauerhafte Besserung der Symptome und die Verhinderung eines Rückfalls eine regelmäßige Einnahme über mehrere Monate oder sogar Jahre erforderlich.

Wichtig zu wissen ist, dass diese Medikamente nicht abhängig machen oder die Persönlichkeit verändern!

In einigen Fällen führt das gewählte Antidepressivum nicht zu der gewünschten Wirkung oder ruft Nebenwirkungen hervor. Die Medikamente wirken nicht bei jedem Patienten in gleicher Weise. Der behandelnde Arzt schlägt dann möglicherweise eine Änderung der Medikation vor. Während der  Einstellungsphase sollten die Wirkung und etwaige Nebenwirkungen besonders engmaschig überprüft werden, damit die Dosis individuell angepasst werden kann.

Als Alternative zu den oben aufgeführten Antidepressiva kann Pregabalin verordnet werden. Pregabalin ist ein Wirkstoff aus der Gruppe der Antiepileptika, aber auch zur Behandlung von
Angststörungen wirksam und zugelassen. Der Wirkeintritt ist schneller als bei Antidepressiva. Es wurden jedoch bei einzelnen Patienten Absetz- und Entzugssymptome beschrieben,
insbesondere bei Patienten mit Abhängigkeitserkrankungen.

Bei starken Angstattacken verschreiben Ärzte manchmal Benzodiazepine. Im Gegensatz zu Antidepressiva setzt ihre beruhigende Wirkung sehr schnell ein. Nach wenigen Tagen führen sie jedoch schon zu einer Gewöhnung – und nach oft nur wenigen Wochen bis Monaten zu Abhängigkeit. Daher sollten Menschen mit einer Angststörung diese Medikamente nur wenn unbedingt notwendig und immer nur für kurze Zeit in genauer Absprache mit dem Arzt einnehmen.23

Weitere unterstützende Verfahren

Bewegung und Auszeiten vom Alltag steigern das persönliche Wohlbefinden. Eine  Angsterkrankung lässt sich in der Regel nicht allein mit Entspannung und Sport heilen. Die Symptome können jedoch deutlich gelindert und die ärztliche oder therapeutische
Behandlung unterstützt werden.

Entspannungsverfahren

Neben psychischem Stress führen Ängste häufig auch zu körperlicher Anspannung. Entspannungsübungen können dem entgegenwirken. Betroffene sollten eine Methode wählen, die sie persönlich als angenehm und entspannend empfinden wie die Progressive Muskelrelaxation (PMR) nach Jacobson, autogenes Training, Yoga, Tai-Chi oder Qi Gong.

Sport und Bewegung

Auch regelmäßige Bewegung kann Angst und Anspannung reduzieren. Durch den akuten Stress in Angstmomenten schüttet der Körper vermehrt Hormone wie Adrenalin, Noradrenalin,
Insulin und Cortisol aus. Anhaltender Stress belastet den Organismus erheblich. Vor allem sportliche Betätigung baut diese Hormone wieder ab und setzt stattdessen Endorphine frei.
Diese sogenannten Glückshormone tragen zur Entspannung bei und erhöhen die eigene Stressresistenz.

Vor allem Ausdauersport hat sich bei seelischen Erkrankungen bewährt. Wandern, Walking, Radfahren, Schwimmen, häusliches Training an Kardiogeräten, Skilanglauf und Rudern eignen sich beispielsweise. Auch Sportstudios, die Wert auf umfangreiche Beratung und Anleitung legen, sind empfehlenswert. Sport in der Gruppe kann den Spaßfaktor und die Wahrscheinlichkeit erhöhen, weiter zu machen. Grundsätzlich sollten Menschen mit seelischen Erkrankungen körperliche Bewegung als einen positiven Teil des Lebens in ihren Alltag integrieren, z. B. in dem sie die Treppe statt des Aufzugs nehmen, öfter zu Fuß gehen, Fahrrad statt Auto fahren und ähnliches. Untersuchungen haben gezeigt, dass bereits 30 Minuten Sport am Tag zu einer deutlichen Verminderung der Angstsymptome führen
können.24

Rehabilitationssport

Da Bewegung eine therapeutische Behandlung sinnvoll ergänzt, können Menschen mit Angststörungen spezielle Angebote im Bereich des Rehabilitationssports in Anspruch nehmen. Die Kostenübernahme für die Teilnahme am Rehabilitationssport ist zwischen den Anbietern und den Rehabilitationsträgern vertraglich geregelt. Der behandelnde Arzt kann auf Wunsch eine entsprechende Verordnung ausstellen. Nach Genehmigung der Verordnung ist das Rehabilitationssportangebot für den Patienten kostenfrei.

Selbsthilfegruppen

Selbsthilfegruppen sind Gesprächsgemeinschaften, in denen sich Menschen mit ähnlichen Problemen oder Krankheiten in geschützter Atmosphäre austauschen und gegenseitig stärken. Betroffene werden unterstützt, selbst aktiv zu werden und ihre Krisensituation gemeinsam mit anderen zu lösen. Die Gruppenzugehörigkeit kann bei Menschen mit Angststörungen auch dem häufigen sozialen Rückzug entgegenwirken. Die Mitglieder treffen sich oft auch außerhalb der Sitzungen, um sich z. B. in angstbesetzten Alltagssituationen zur Seite zu stehen.

Die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe ist zeitlich nicht begrenzt. Daher können Patienten die Unterstützung in unterschiedlichen Krankheitsphasen in Anspruch nehmen, z. B. um Wartezeiten auf einen Therapieplatz zu überbrücken, begleitend zur Therapie oder als Nachsorge.

Weitere im neuraxWiki:

Angststörung

Rehabilitationsmöglichkeiten bei Angststörungen

Quellen

1 „S3-Leitlinie Angststörungen – Patientenversion“. S3-Leitliniengremium (Hrsg.), 2014. Abgerufen unter: www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/051-028.html

2Information und Aufklärung der Betroffenen und ihrer Angehörigen über die Erkrankung, deren Ursachen, Verlauf und Behandlungsmöglichkeiten.

3 „Der Angst den Boden nehmen“. Pro Psychotherapie e. V., 2020. Abgerufen unter: www.therapie.de/psyche/info/index/diagnose/angst/therapie;
„Agoraphobie & Panikstörung. Behandlung“. Stiftung Gesundheitswissen, 2020. Abgerufen unter: www.stiftung-gesundheitswissen.de/wissen/agoraphobie-panikstoerung/behandlung

4 „ACT – Akzeptanz- und Commitment-Therapie“. Deutschsprachige Gesellschaft für kontextuelle Verhaltenswissenschaften (DGKV), o.J.
Abgerufen unter: https://dgkv.info/act-co/akzeptanz-und-commitment-therapie-act

5 „S3-Leitlinie Angststörungen – Patientenversion“. S3-Leitliniengremium (Hrsg.), 2014. Abgerufen unter: www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/051-028.html

 6„Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses über die Durchführung der Psychotherapie“. Gemeinsamer Bundesausschuss, 2020.  Abgerufen unter: www.g-ba.de/richtlinien/20

7„Onlinetherapien“. Stiftung Gesundheitswissen, 2020. Abgerufen unter: www.stiftung-gesundheitswissen.de/wissen/agoraphobie-panikstoerung/behandlung

8„S3-Leitlinie Behandlung von Angststörungen – Kurzversion“. S3-Leitliniengremium (Hrsg.), 2014. Abgerufen unter: www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/051-028.html

9  „S3-Leitlinie Angststörungen – Patientenversion“. S3-Leitliniengremium (Hrsg.), 2014. Abgerufen unter: www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/051-028.html

10  „Vertrauen verdrängt Angst. Selbsthilfe mit Entspannungsverfahren und Sport“. Pro Psychotherapie e. V., 2020.  Abgerufen unter: www.therapie.de/psyche/info/index/diagnose/angst/entspannung-sport-selbsthilfetipps

 

 

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