Zuletzt aktualisiert am 20. Dezember 2021

Geriatrische Rehabilitation

Durch den medizinischen Fortschritt und die Verbesserung der Lebensbedingungen ist die durchschnittliche Lebenserwartung in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Es gibt also immer mehr alte Menschen. Mit zunehmenden Lebensalter steigt auch das Risiko, an verschiedenen Krankheiten zu leiden oder pflegebedürftig zu werden. Mit Maßnahmen der geriatrischen Rehabilitation (Reha) wird versucht, chronischer Krankheit, Behinderung und Pflegebedürftigkeit im höheren Lebensalter entgegenzuwirken.

Wann kommt eine geriatrische Rehabilitation in Betracht?

Nicht jeder alte Mensch ist automatisch ein geriatrischer Patient. Betroffene müssen zwei Kriterien erfüllen, um eine geriatrische Reha in Anspruch nehmen zu können:

  • geriatrietypische Multimorbidität

und

  • ein höheres Lebensalter, in der Regel 70 Jahre und älter; Abweichungen sind möglich,
    müssen aber begründet werden

Bei der Beurteilung werden zudem die Diagnosen und vorhandene oder drohende Einschränkungen der Alltagskompetenz berücksichtigt. Aus dem Grad der Alltagseinschränkungen werden die Rehabilitationsbedürftigkeit, Rehabilitationsfähigkeit,
Rehabilitationsziele und die Rehabilitationsprognose abgeleitet. Die genannten Punkte werden vom Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) geprüft.

Geriatrietypische Multimorbidität

Wenn bei dem Patienten mehrere strukturelle oder funktionelle Schädigungen bei mindestens zwei behandlungsbedürftigen Erkrankungen vorliegen, handelt es sich um geriatrietypische Multimorbidität. Behandlungsbedürftig bedeutet, dass die Erkrankungen und Gesundheitseinschränkungen während der Reha engmaschig ärztlich beobachtet und bei der Therapie berücksichtigt werden, gegebenenfalls über die Grenzen eines Fachgebiets hinaus.

Geriatrietypische Multimorbidität ist definiert durch folgende drei Merkmale:

1. Schädigung und Beeinträchtigung der Aktivität im Sinne eines geriatrischen Syndroms

Unter Beeinträchtigungen versteht man unter anderem:

  • Immobilität
  • Sturzgefahr und Schwindel
  • kognitive Defizite
  • Inkontinenz
  • Dekubitalulzera
  • Fehl- und Mangelernährung
  • Depression
  • chronische Schmerzen
  • Sensibilitätsstörungen
  • herabgesetzte körperliche Belastbarkeit
  • starke Sehbehinderung
  • ausgeprägte Schwerhörigkeit

Zu den Hauptdiagnosen zählen dabei:

  • Schlaganfall
  • hüftgelenksnahe Frakturen
  • operative Versorgung mit Totalendoprothesen von Hüft und Knie
  • Gliedmaßenamputationen bei peripherer arterieller Verschlusskrankheit oder diabetischen Gefäßleiden
  • neurologische, kardiologische und muskuloskeletale Erkrankungen sowie Tumor- und
  • Stoffwechselerkrankungen

2. eingeschränkte Selbstständigkeit im Alltag bis hin zur Pflegebedürftigkeit

3. relativ hohes Risiko von Krankheitskomplikationen wie:

  • Thrombosen
  • interkurrente Infektionen
  • Frakturen
  • verzögerte Rekonvaleszenz

Weitere Voraussetzungen für eine geriatrische Reha

Für ältere Menschen kommt unter Umständen auch eine rein indikationsspezifische Reha
(z.B. eine kardiologische oder neurologische Reha) in Betracht. Die geriatrische Reha unterscheidet sich von der indikationsspezifischen Reha dadurch, dass sie nicht nur Diagnosen, sondern auch vorhandene oder drohende Einschränkungen der Teilhabe im Alltag berücksichtigt. Aus dem Grad der Alltagseinschränkungen werden Rehabilitationsbedürftigkeit, Rehabilitationsfähigkeit, Rehabilitationsziele und die Rehabilitationsprognose abgeleitet.
Der medizinische Dienst der Krankenversicherung prüft deshalb diese Punkte.

Rehabilitationsbedürftigkeit

  • Wie beeinträchtigt ist der Patient in der Selbstversorgung, wie abhängig ist er von fremder Hilfe?
  • Ist die Mobilität so eingeschränkt, dass ein Leben außerhalb der Wohnung unmöglich ist und soziale Isolation droht?
  • Gibt es Beeinträchtigungen in der Kommunikation (Sprachverständnis, Sprachvermögen usw.) und der Orientierungsfähigkeit? Leidet der Patient unter Verwirrtheit?
  • Können durch die Strukturierung des Tagesablaufs Verbesserungen erzielt werden?
  • Gibt es sonstige Beeinträchtigungen, die der Selbständigkeit des Patienten entgegenstehen?

Rehabilitationsfähigkeit

Zudem muss der Patient rehabilitationsfähig sein. Das heißt, dass trotz herabgesetzter Belastbarkeit und größerer Hilfebedürftigkeit seine vitalen Parameter stabil sind und die Erkrankungen in der interdisziplinären geriatrischen Reha behandelbar sein müssen.

Mögliche Ausschlusskriterien für eine geriatrische Reha:

  • fehlende Zustimmung des Patienten
  • fehlende, nicht ausreichende Belastbarkeit oder Begleiterkrankungen
    bzw. Komplikationen, die eine aktive Teilnahme verhindern (z.B. Lage und Größe eines Dekubitus oder schwere psychische Störungen, akute Wahnsymptomatik)
  • Stuhlinkontinenz, wenn diese Begleiterscheinung einer weit fortgeschrittenen geistigen und körperlichen Erkrankung ist

Rehabilitationsziele

Es ist ratsam, im Antrag zu definieren, was mit der geriatrischen Reha erreicht werden soll. In der Regel ist ein Ziel der geriatrischen Reha die dauerhafte Wiedergewinnung, Verbesserung oder Erhaltung der Selbständigkeit bei den alltäglichen Verrichtungen. Das langfristige Ziel ist, dass der ältere Mensch möglichst lang in seiner gewohnten Umgebung bleiben kann.

Positive Rehabilitationsprognose

Bei der Verordnung der geriatrischen Reha sollte der Arzt eine positive Rehabilitationsprognose stellen. Dafür müssen folgende Kriterien zutreffen:

  • es ist eine Verbesserung der Selbsthilfetätigkeit im Alltag erreichbar. Alltagsrelevante Beeinträchtigungen können abgebaut und mehr Aktivität erreicht werden
  • Kompensationsmöglichkeiten zur Alltagsbewältigung sind mit nachhaltigem Erfolg trainierbar

und/oder

  • Adaptionsmöglichkeiten, welche die Beeinträchtigung der Teilhabe vermindern, können eingeleitet werden

Formen der geriatrischen Reha

In manchen deutschen Bundesländern erfolgt die geriatrische Reha als Krankenhausbehandlung, in anderen im Rahmen der medizinischen Rehabilitation. Das heißt, die Versorgung kann je nach Bundesland in einem geriatrischen Krankenhaus oder in einer Rehaklinik stattfinden.Grundsätzlich wird beim geriatrischen Rehabilitationskonzept auf die Verknüpfung von akutmedizinischen und rehabilitationsmedizinischen Behandlungsteilen Wert gelegt.

Stationär und ambulant

Oft erfolgt die geriatrische Reha stationär, da es hier die meisten Kapazitäten gibt. Denkbar ist aber auch eine teilstationäre oder ambulante Durchführung. Bei einer ambulanten geriatrischen Reha müssen neben den medizinischen noch folgende Voraussetzungen vorliegen:

  • der Patient besitzt die für die ambulante Reha notwendige Mobilität
  • die Rehaeinrichtung ist in einer zumutbaren Fahrzeit erreichbar
  • die häusliche und medizinische Versorgung ist sichergestellt

Die mobile geriatrische Reha

Bei der mobilen geriatrischen Reha wird der Betroffene im gewohnten häuslichen Umfeld versorgt und die Therapien orientieren sich an seinem Alltag und seiner Lebenswelt. Durch die Alltagsnähe wird die tägliche praktische Lebensführung trainiert und Bezugspersonen können optimal einbezogen werden. Dies setzt voraus, dass die Angehörigen / Bezugspersonen aktiv am Rehabilitationsprozess mitwirken.

Dieses Sondermodell der geriatrischen Reha kommt vor allem für Patienten in Frage, die mit den bestehenden ambulanten und stationären Reha-Angeboten nicht versorgt werden können. Die Rehabilitationsfähigkeit und eine positive Rehabilitationsprognose sind bei ihnen nur im gewohnten oder ständigen Wohnumfeld gegeben.

Ausschlusskriterien für eine mobile geriatrische Reha sind:

  • die Therapie beeinträchtigende Abhängigkeitserkrankungen
  • Fremd- oder Selbstgefährdung
  • fehlende Motivation / fehlende Kooperation des Patienten oder seiner Angehörigen / Bezugspersonen

Antragstellung

Betroffene können eine geriatrische Reha bei der gesetzlichen Krankenkasse beantragen. Einleiten kann die geriatrische Reha ein niedergelassener Arzt. Ist der Patient bereits in stationärer Behandlung, kann die Reha auch von einem Klinikarzt, oft mit Unterstützung des Kliniksozialdienstes, auf den Weg gebracht werden. Für ambulante sowie stationäre Rehabilitationsmaßnahmen müssen Patienten jeweils 10 € pro Tag über die gesamte Dauer der Maßnahme als Eigenanteil leisten.

Anlaufstellen und weitere Informationsquellen

Ansprechpartner sind neben Ärzten und Kliniksozialdiensten, Pflegeberatungsstellen und Pflegestützpunkte.

Vertiefende Informationen finden Sie auf der Internetseite der Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation bzw. des Bundesverbandes Geriatrie. Dort sund auch Verzeichnisse von stationären Einrichtungen der geriatrischen Rehabilitation zu finden

https://www.bar-frankfurt.de/service/datenbanken-verzeichnisse/reha-einrichtungsverzeichnis/rehastaetten-suche.html

https://www.bv-geriatrie.de/images/INHALTE/Qualitaet/QS/170728_QSG_Zertifizierte_Einrichtungen.pdf

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