Zuletzt aktualisiert am 20. Dezember 2021

Eingliederungshilfe für Kinder mit seelischer Behinderung

(§ 35 a SGB VIII)

Körperliche Behinderungen können in der Regel einfach festgestellt werden. Bei seelischen Behinderungen ist dies deutlich schwieriger. Zum einen ist die Abgrenzung zur geistigen Behinderung oft nicht ganz einfach. Zum anderen entwickelt sich gerade bei sehr jungen Menschen die seelische Reife noch. Kinder und Jugendliche, die seelisch behindert oder von einer seelischen Behinderung bedroht sind, haben Anspruch auf Eingliederungshilfe nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz (SGB VIII).

Medizinische Voraussetzungen

  • die seelische Gesundheit ist höchstwahrscheinlich länger als 6 Monate abweichend von der Norm in diesem Alter
  • die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben ist beeinträchtigt oder die Beeinträchtigung ist zu erwarten

Unter seelischen Störungen versteht man v. a. bei jungen Erwachsenen:

  • körperlich nicht begründbare Psychosen (z. B. Schizophrenie, manisch-depressive Erkrankung)
  • seelische Störungen, die als Folge von Krankheiten oder Verletzungen des Gehirns oder aufgrund von Anfallsleiden oder anderen Erkrankungen entstanden sind und körperlich begründbare exogene Psychosen z.B. hervorgerufen durch Infektionen
  • Suchtkrankheiten
  • Neurosen und Persönlichkeitsstörungen z. B. Angstneurosen

Bei Kindern gelten seelische Behinderungen v. a. als

  • Entwicklungsstörungen

und/oder

  • chronische Störungen, die die psychosoziale Entwicklung und Integration nachdrücklich beeinträchtigen

Bescheinigt wird eine seelische Behinderung durch die Stellungnahme eines

  • Arztes für Kinder- und Jugendpsychiatrie
  • eines Kinder- und Jugendpsychotherapeuten

oder

  • eines Arztes oder eines psychologischen Psychotherapeuten mit Erfahrung auf diesem Gebiet

Diese Bescheinigung wird vom Jugendamt eingeholt.

Organisatorische Voraussetzungen

  • Erstellen eines Hilfeplans durch das Jugendamts unter Beachtung des Wunsch- und Wahlrechtes, falls das Hilfeangebot länger als 6 Monate andauert.
    Die Leistungsberechtigten haben das Recht zwischen Einrichtungen und Diensten verschiedener Träger zu wählen und Wünsche hinsichtlich der Gestaltung der Hilfe zu äußern. Der Wahl und den Wünschen soll entsprochen werden, sofern dies nicht mit unverhältnismäßigen Mehrkosten verbunden ist.
  • Prüfung, ob Leistungen von Seiten anderer Träger vorrangig zuständig sind (z. B. Leistungen über die Kranken, Renten- oder Unfallversicherung)

Sonderfall Entwicklungsstörungen schulischen Lernens

Bei Lese-/Rechtschreibschwäche, Legasthenie, Rechenschwäche/Dyskalkulie kann unter Umständen auch eine Leistung nach § 35 a SGB VIII in Frage kommen. Dabei muss neben den oben genannten Voraussetzungen der erzieherische Bedarf im Vordergrund stehen.
Der erzieherische Bedarf wird durch verschiedene Faktoren festgestellt:

  • individuelle Faktoren (z. B. mangelnde Impulskontrolle)
  • soziale Faktoren (z. B. belastende familiäre Konstellationen)
  • psychosoziale Faktoren (z.B. Überforderung von Kind und Eltern in der Bewältigung allgemeiner Lebensaufgaben)

Wichtig: Zunächst sollte versucht werden, die schulischen Möglichkeiten auszuschöpfen, z. B. durch Förderunterricht oder die Nutzung kommunaler Institute wie Erziehungsberatungsstellen.

Leistungen

  • ambulante Hilfen z. B. durch sozialpädiatrische Zentren
  • teilstationäre Hilfen z. B. durch heilpädagogische Tagesstätten
  • stationäre Hilfen z. B. durch Kinder- und jugendpsychiatrische Kliniken
  • Hilfen durch geeignete Pflegepersonen (Vollzeit, Wochen - oder Tagespflege)
  • für Kinder im noch nicht schulpflichtigen Alter z. B. durch Integrationskindergärten
  • Hilfen zu einer angemessenen Schulbildung z. B. durch heilpädagogische Maßnahmen auch neben dem Schulbesuch z. B. in Tagesstätten
  • Hilfen zur Ausbildung für einen angemessenen Beruf oder eine sonstige angemessene Tätigkeit (z. B. Hilfen zur Ausbildung an einer Berufsfachschule)
  • Hilfen zum Erlangen eines geeigneten Arbeits- oder Ausbildungsplatzes (z. B. Berufsberatung vom Arbeitsamt)
  • Hilfen zur Teilnahme am Leben in der Gemeinschaft (z. B. Besuch von kulturellen Veranstaltungen)

Weitere in Frage kommende Leistungen

  • Unterhalt, falls das Kind außerhalb des Elternhauses betreut wird (§ 39 SGB VIII); in diesem Fall wird auch ein Taschengeld mit individueller Staffelung gewährt
  • einmalige Zuschüsse für Urlaubs- und Ferienreisen oder andere wichtige persönliche Anlässe
  • Krankenhilfe (§ 40 SGB VIII) wird bei Leistungen in einer stationären Einrichtung oder in Tagespflege gewährt, falls das Kind nicht über die Eltern familienversichert ist

Kostenträger

Das Jugendamt übernimmt die Kosten für die Eingliederungshilfe. Im Gegensatz zu den ambulanten Leistungen kann bei den teilstationären und stationären Leistungen eine Kostenbeteiligung des Leistungsberechtigten verlangt werden (§§ 91 ff SGB VIII).

Anlaufstellen und weitere Informationsquellen

  • Jugendämter
  • Sozialpädiatrische Zentren - regionale Einrichtungen finden Sie unter:

www.dgspj.de

www.legasthenieverband.org/sgbviii.pdf

Inhaltsverzeichnis