Zuletzt aktualisiert am 14. Februar 2022

Opioidabhängigkeit

Opioidabhängigkeit ist eine chronische Krankheit des zentralen Nervensystems, die professionell behandelt werden muss. Opiate und Opioide sind stark wirksame Schmerz- bzw. Betäubungsmittel. Da ihr Konsum starke Gefühle der Euphorie auslöst, machen sie schnell abhängig.

Meist kommen die Konsumenten im späten Jugend- und frühen Erwachsenenalter zum ersten Mal mit den Substanzen in Kontakt. Vorher haben sie in der Regel bereits andere psychotrope, also die Psyche beeinflussende, Substanzen wie Alkohol, Cannabis oder Tabak konsumiert.

Laut Schätzungen des Bundesministeriums für Gesundheit sind in Deutschland derzeit zwischen 250.000 und 280.000 Personen opioidabhängig. Etwa 78.800 befinden sich in einem Substitutionsprogramm.1

Durch ihre Drogensucht bewegen sich die Betroffenen zum Teil in der Illegalität und haben mit negativen Konsequenzen wie sozialer Isolation, Stigmatisierung, finanziellen Problemen und nicht selten auch Folge- und Begleiterkrankungen zu kämpfen.

Anzeichen für Opioidabhängigkeit

Opiatabhängigkeit ist gekennzeichnet durch ein übermächtiges Verlangen nach der Droge. Obsessive Gedanken an die Beschaffung und den Gebrauch der Droge dominieren den Alltag.

Körperlich äußert sich missbräuchlicher Opioidkonsum vor allem in Form von unkontrollierbaren, plötzlichen Stimmungsschwankungen, Konzentrationsstörungen, Gedächtnisproblemen und akuten Verwirrtheitszuständen. Hinzu kommen Seh- und Sprachprobleme, Koordinationsstörungen verbunden mit Unfällen und Stürzen sowie im weiteren Verlauf Anzeichen für zunehmende Verwahrlosung.2

Entzugssymptome

CAVE: Das plötzliche Absetzen von Opiaten / Opioiden hat massive körperliche und psychische Entzugssymptome zur Folge und sollte daher unbedingt vermieden werden (sog. „Cold Turkey“)! Sinnvoller ist eine sukzessive Entwöhnung in stationärer ärztlicher Behandlung („Entzugsklinik“).

Mögliche negative Langezeitfolgen

Bei längerfristigem Konsum besteht das Risiko anhaltender Magen-Darm-Störungen, bleibender hirnorganischer Veränderungen wie verminderter Denkfähigkeit oder psychischer Beeinträchtigungen bis hin zu akuten Psychosen. Vor allem bei der missbräuchlichen Verwendung (z. B. illegaler Konsum von Heroin), können Beschaffungskriminalität/ -prostitution, Isolation sowie zunehmende soziale Verelendung und Verwahrlosung die körperlichen und psychischen Folgeschäden des Opioidkonsums noch zusätzlich verstärken.3 Für Opioidabhängige besteht zudem ein hohes Risiko, sich mit einer Infektionskrankheit wie Hepatitis B und C oder dem HI-Virus zu infizieren.

Therapieoptionen bei Opioidabhängigkeit

Die Therapie der Opioidabhängigkeit ist ein stufenweiser Prozess, bei dem die Schadensminimierung in allen Lebensbereichen im Fokus steht und dessen oberstes Ziel die Suchtmittelfreiheit ist. Um dies zu erreichen, sind je nach Zustand des Patienten und dessen individueller Situation eine Reihe von Teilschritten notwendig.

Ziele der Therapie

Selten werden die unten genannten therapeutischen Zielebenen linear durchlaufen. Je nach aktueller Lebenssituation kann es auch vorkommen, dass Stufen übersprungen und wiederholt werden oder die Therapie komplett abgebrochen wird.

Hierarchie der Interventionsziele bei der Behandlung der Drogenabhängigkeit (Drug Policy WHO):4

  1. Sicherung des Überlebens in kritischen Konsumphasen
  2. Gesundheitsstabilisierung und -förderung durch Vermeidung des Risikos chronischer Infektionen (z. B. HIV oder Hepatitis)
  3. Sicherung der sozialen Umgebung durch Maßnahmen wie Wohnungs- und Sozialstrukturerhalt
  4. Anstreben längerer Konsumpausen / Abstinenzphasen
  5. Förderung der Einsichtsfähigkeit in die Grunderkrankung
  6. Akzeptanz des eigenen Handlungsbedarfs
  7. Annehmen des Abstinenzzieles
  8. Rückfallprophylaxe
  9. Therapeutische Aufarbeitung der Suchtproblematik
  10. Berufliche Rehabilitation und soziale Integration

     
Wichtig:

Die Behandlungsziele können nur erreicht werden, wenn der Patient zur Therapie und zur Aufgabe seines Konsumverhaltens und des damit verbundenen Lebensstils bereit ist. Dieser Wille sollte schon als Erfolg gewertet werden.

Anlaufstellen und weitere Informationsquellen

Ein Ausstieg aus der Opioidabhängigkeit verlangt neben differenzierten Hilfsangeboten auch die Mitwirkungsbereitschaft der Patienten. Die Angebote der Suchtkrankenhilfe sollten möglichst lückenlos aufeinander abgestimmt werden, um so einen schädlichen Gebrauch von Opioiden zu reduzieren bzw. zu eliminieren.

Akuthilfe

Diese „niederschwelligen“ Angebote der Überlebenshilfe sind meist die ersten Anlaufstellen für Betroffene. Sie bieten dem Suchtkranken Schutzräume in Form von Kontakt-, Konsum- und Schlafstätten mit zum Teil direkt angeschlossener medizinischer Versorgung.

Suchtberatung

Die ambulante Suchtberatung spielt bei der angestrebten Opioid-Abstinenz eine wichtige Rolle. Spezialisierte Sucht- und Drogenberatungsstellen versuchen durch Aufklärung und Prävention den Abhängigen zu einer Veränderung zu motivieren und ihn bei seinem Abstinenz-Vorhaben zu unterstützen.

Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e. V. (DHS)

Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) ist die bundesweite Plattform für alle Verbände und Vereine im Bereich der Suchtkrankenhilfe. Sie bietet umfangreiche Information und Hilfe zu den gängigsten Suchtstoffen für Konsumenten, Missbraucher, Abhängige und deren Angehörige.

www.dhs.de

Suchthilfeverzeichnis

Dieses Online-Portal der DHS liefert alle wichtigen Informationen zu den bundesweit über 1400 ambulanten Suchtberatungsstellen und 800 stationären Suchthilfeeinrichtungen. Auch die Kontaktdaten regionaler Selbsthilfegruppen sind dort zu finden.

www.suchthilfeverzeichnis.de

Checkpoint-S App für Substitution und Konsumreflexion

Die App Checkpoint-S kann den Patienten bei der Behandlung und Substitution unterstützen. Verschiedene Aspekte, wie Befinden, Konsumdruck oder Konsum, können dokumentiert und anschließend in Diagrammen dargestellt werden. So werden wiederkehrende Muster und Zusammenhänge sichtbar. Weiterhin besteht die Möglichkeit, individuelle Ziele in den Alltag zu integrieren.

Hier geht´s zum Download im Google Play Store: app.checkpoint-s.de

In diesem Video gibt es noch mehr Details: go.checkpoint-s.de/demo

Mehr Infos gibt es auf www.checkpoint-s.de/

 

Weiterführende Artikel im neuraxWiki:

Substitutionstherapie bei Opioidabhängigkeit

Suchthilfe und Selbsthilfe bei Opioidabhängigkeit

Fahrtauglichkeit bei Opioidabhängigkeit

Schwangerschaft bei Opioidabhängigkeit

Hilfreiche und psychosoziale Tipps für Angehörige von Opioidabhängigen

 

1Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte. Bericht zum Substitutionsregister. Bundesopiumstelle / 84.1 / 22.01.2018, Seite 2

2„Basiswissen Sucht“. Psychotherapeutenkammer NRW. 1. üb. Auflage November 2017, Seite 39

3Vgl. Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e. V.: http://www.dhs.de/suchtstoffe-verhalten/medikamente/schmerzmittel.html. Abgerufen am 12.03.2018

4Vgl. „Drogenabhängigkeit“. Suchtmedizinische Reihe Band 4. Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen. 4. Auflage Mai 2016, Seite 50.

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