Zuletzt aktualisiert am 20. Dezember 2021

Umgang mit demenzkranken Angehörigen

Im Gegensatz zum Demenzkranken selbst, der die Veränderungen seines Wesens mit Fortschreiten der Erkrankung immer weniger bemerkt, nehmen die Angehörigen diese bewusst und mit Schrecken wahr.

Die Begleitung eines demenzkranken Angehörigen durch die verschiedenen Stadien der Erkrankung ist mit einer sehr hohen Belastung und Verantwortung verbunden. Umso wichtiger und notwendiger ist es, dass aus Unverständnis Wissen und Verstehen wird.

Wissen und Verstehen

Pflegepersonen, denen es gelingt Zugang in die "andere" Welt des demenzkranken Menschen zu bekommen, empfinden die Pflege weniger belastend und können mit atypischem Verhalten besser umgehen. Dazu sind Wissen und Verstehen erforderlich.

Wissen über die Erkrankung, über ihren Verlauf, über Zugangswege zum Demenzkranken, über den Umgang mit schwierigem Verhalten und über mögliche Hilfen. Verstehen, dass die Verhaltensweisen und Reaktionen nicht willentlich, absichtlich oder böswillig erfolgen, sondern auf einen hirnorganischen Prozess zurückzuführen sind.

Harmonisches Miteinander - trotz Demenz

Im Verstehen, was der Demenzkranke mitteilen möchte, was ihn beschäftigt, was ihn traurig, unruhig oder aggressiv macht, was ihn freut oder beruhigt, liegt der Schlüssel für ein harmonisches Miteinander - trotz Demenz.

Viele Verhaltensweisen sind auffällig, erscheinen unverständlich, verlangen viel Geduld ab, erschweren den Umgang untereinander und sind oftmals mit Zusatzarbeiten verbunden - doch die Person mit ihren Empfindungen ist die gleiche, mit der man weite Strecken eines gemeinsamen Lebens gegangen ist und mit der viele gemeinsame Erinnerungen verbunden sind.

Die demenzkranke Person hat ein Recht darauf, dass man ihr mit Achtung und Wertschätzung begegnet.

Wissen und Verstehen erleichtern den Umgang miteinander. Trotzdem wird es im Leben mit einem Demenzkranken immer wieder Geschehnisse geben, die einen an die eigenen Grenzen bringen. Deshalb ist es für die Pflegeperson immens wichtig, regelmäßige Auszeiten einzuplanen und die eigenen Ressourcen zu erhalten und zu stärken (Siehe auch: Hilfe für Pflegepersonen demenzkranker Menschen).

Empfehlungen für den Umgang mit demenzkranken Angehörigen

Es gibt kein Pauschalrezept für einen unkomplizierten und belastungsfreien Umgang mit einem demenzkranken Menschen. Aber es gibt Verhaltensweisen, die viele Probleme erst gar nicht entstehen lassen und den Umgang vereinfachen.

1. Begeben Sie sich in die Welt des Demenzkranken

Auch wenn die Behauptungen und Aussagen Ihres Angehörigen nicht der Realität entsprechen, versuchen Sie nicht, ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Diskussionen über unterschiedliche Realitäten sind fruchtlos und bewirken eher, dass sich der Demenzkranke - je nach Naturell - zurückzieht oder aggressiv wird. Bedenken Sie: in seiner Wahrnehmung geschieht alles so, wie er es darstellt.

Beispiel

Der Demenzkranke spricht davon, dass er demnächst in die Arbeit gehen wird. Es wäre zwecklos ihn davon zu überzeugen, dass er Rentner ist und keine Arbeitsstelle mehr hat. Fragen Sie ihn stattdessen, welche Aufgaben ihn am Arbeitsplatz heute erwarten.

2. Demenzkranke Menschen brauchen klare Strukturen

Durch die Erkrankung sind zeitliche und örtliche Orientierung gestört oder nicht mehr vorhanden. Die Kranken sind häufig nicht mehr in der Lage zwischen Tag und Nacht zu unterscheiden und den Tag sinnvoll zu strukturieren. Vorgegebene Strukturen, die auch alte Gewohnheiten beinhalten, wie beispielsweise ein Mittagsschlaf oder der Nachmittagskaffee, geben dem Demenzkranken Geborgenheit und Sicherheit. Auf Störungen dieser Ordnung reagieren die meisten höchst sensibel.

3. Halten Sie die Lebensbiographie des Betroffenen lebendig

Viele Erlebnisse und Erinnerungen aus der Vergangenheit, die für den Kranken einmal bedeutsam waren, sind in seiner Welt noch vorhanden. Fragen Sie ganz gezielt nach bestimmten Geschehnissen. Sie werden erleben, wie Ihr Angehöriger aufblüht und gerne über Vergangenes spricht. Für Sie ist es eine Brücke in seine Welt, dem Betroffenen gibt es das Gefühl wahr und wertvoll zu sein. Auch Gegenstände, die im Leben des Demenzkranken eine Rolle gespielt haben, sind Türöffner für ein gemeinsames Gespräch.

4. Suchen Sie den Körperkontakt zum Demenzkranken

Säuglinge und Kleinkinder, die schreien und unruhig sind, beruhigen sich meist rasch, wenn man sie auf den Arm nimmt und an sich drückt. Die meisten Demenzkranken reagieren auf Berührung ähnlich wie Kinder. Sanfte Berührungen wie das Streichen über die Hände und den Rücken oder das Hin- und Herwiegen des Körpers vermitteln dem Demenzkranken ein Gefühl von Wärme und Angenommen sein. Betroffene, die noch körperlich fit sind, lieben es sich zu bekannten Melodien zu bewegen. Tanzen Sie gemeinsam! Tauchen Sie ab in die Welt des Demenzkranken. Sie zeigen ihm damit, dass seine Welt existiert.

5. Sprechen Sie die Sinne des Betroffenen an

Mit Gerüchen Erinnerungen wecken
Mit Gerüchen Erinnerungen wecken
 

Viele Demenzkranke verlieren im Verlauf ihrer Erkrankung Sprache und Hörvermögen. Auch Erinnerungen an Vergangenes sind mit der Zeit nur noch bruchstückhaft vorhanden. Durch behutsamen Reiz der Sinne können Sie versuchen, mit dem Betroffenen in Kontakt zu treten.

 

Beispiel

Der Duft von frisch gebackenem Kuchen, von duftenden Rosen, von blühendem Flieder löst bei dem Betroffenen eine Assoziation zu früheren Zeiten aus. Der Klang alter Melodien weckt die Erinnerung an frühere Tanzabende. In alten Fotos erkennt er sich und andere wieder. Aber auch durch Fühlen und Betasten von Gegenständen, von Pflanzen und Tieren werden Reize geschaffen, die Erinnerungen hervorrufen. All das beruhigt den Betroffenen, nimmt ihm die Angst immer mehr verloren zu gehen und trägt dazu bei, Verhaltensstörungen zu reduzieren.

 

6. Mit Geduld und Diplomatie erreichen Sie mehr

Demenzkranke verhalten sich häufig nicht kooperativ, die Handlungen erscheinen unsinnig, manchmal zeigen sie sich aggressiv und verletzend, verweigernd, weinerlich oder gleichgültig und unzugänglich.

Auf diese Verhaltensweisen geduldig und verständnisvoll zu reagieren, erfordert enorm viel Kraft und persönliche Stärke und kann nicht immer gelingen. Dennoch sollten Sie stets versuchen, besonnen und ruhig zu reagieren. Vermeiden Sie möglichst Konfrontationen mit dem Betroffenen, da diese für beide Seiten kräftezehrend und ergebnislos verlaufen.

Idealerweise teilen Sie sich die Pflege mit anderen, sodass Sie sich zurückziehen können, wenn es Ihnen momentan nicht gelingt, Verständnis aufzubringen. Dies ist völlig normal und ein Hinweis darauf, dass Sie auch auf sich achten müssen (Siehe auch: Hilfe für Pflegepersonen demenzkranker Menschen).

Mit etwas Abstand können Sie wieder verstehen, dass die Reaktionen Krankheitscharakter haben und nicht böswillig geschehen. Ignorieren Sie Anschuldigungen und vermeiden Sie Diskussionen. Versuchen sie stattdessen den Demenzkranken abzulenken und sein Interesse für ein anderes Thema zu wecken.

7. Vereinfachen Sie Ihre Sprache

Demenzkranke Menschen haben bereits im Anfangsstadium Probleme sich zu konzentrieren, Informationen aufzunehmen, zuzuordnen, umzusetzen und adäquat zu reagieren.
Deshalb ist es sehr wichtig, sie sprachlich nicht zu überfordern. Formulieren Sie Ihre Sätze kurz und knapp. Wenn Sie das Gefühl haben, dass der Inhalt nicht verstanden wurde, wiederholen Sie geduldig das Gesagte. Berücksichtigen Sie, dass der Demenzkranke Zeit braucht, das Gesagte aufzunehmen - geben Sie ihm diese Zeit.
Signalisieren Sie durch lobende Worte, Gesten oder Berührungen, dass er Ihre Botschaft verstanden hat.

8. Fördern Sie die vorhandenen Fähigkeiten Ihres Angehörigen

Auch wenn Demenzkranke nicht mehr in der Lage sind, ihren Alltag zu bewältigen, bedeutet dies nicht, dass ihnen alle Fähigkeiten abhandengekommen sind. Fördern Sie die noch vorhandenen Fähigkeiten, indem Sie den Demenzkranken in Alltagstätigkeiten einbinden.
Hier gilt es die richtige Balance zwischen optimaler Förderung und Überforderung zu finden. Übertragen Sie einfache Aufgaben und geben Sie ausreichend Ruhe und Zeit, um die Aufgabe auszuführen. Aufgaben, die dem Kranken Freude bereiten, geben ihm das Gefühl nützlich zu sein. Loben Sie ihn daher für jeden noch so kleinen Erfolg.

 

 

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