Zuletzt aktualisiert am 3. August 2022

Therapiemöglichkeiten bei Epilepsie


Primäres Ziel der Therapie ist, dass der Patient keine Anfälle mehr erleidet. Da eine Funktionsstörung des zentralen Nervensystems, die epileptischen Anfälle auslöst, jeden Menschen treffen kann, ist der Begriff „Heilung“ schwer zu definieren. Ein Patient, der 5 Jahre anfallsfrei ist, davon mindestens das letzte Jahr ohne Medikamente, gilt aber als geheilt. (Deutsche Gesellschaft für Epileptologie e. V.)

Pharmakologische Therapien

Die Pharmakotherapie mit antiepileptisch wirksamen Substanzen (Antiepileptika, Antikonvulsiva) stellt nach wie vor die Basisbehandlung der Epilepsie dar. Bei einer optimalen medikamentösen Einstellung ist eine Anfallsfreiheit von bis zu 70 % möglich.1 Die dabei zum Einsatz kommenden Medikamente oder Medikamentengruppen, verfügen über einen spezifischen Wirkmechanismus, der vor allem durch eine Blockade von Calcium2+- und Na+-Kanälen bzw. die Verstärkung GABAerger Hemmungsmechanismen gekennzeichnet ist.

Primäres Behandlungsziel ist es, mit einer möglichst niedrigen Medikamentendosis und einem möglichst geringen Nebenwirkungsspektrum eine Anfallsfreiheit zu erreichen.

Die Auswahl des Medikamentes setzt eine genaue diagnostische Einordnung der Epilepsie voraus und richtet sich dabei nach verschiedenen Faktoren:

  • Schwere und Anzahl der Anfälle
  • Verträglichkeit
  • Vorerkrankungen
  • Interaktionen mit anderen einzunehmenden Medikamenten
  • Art der Berufstätigkeit
  • Schwangerschaft und Stillzeit

Verfügbare Substanzen

Zur Behandlung der Epilepsie stehen verschiedene Substanzen zur Verfügung. Die älteren, „klassischen“ Antiepileptika haben eine gute, langjährig bewährte Wirksamkeit. Sie haben aber ungünstige Nebenwirkungen und werden daher heute nur noch bei speziellen Indikationen eingesetzt. Zu dieser Gruppe zählen u. a. Brom, Phenobarbital, Phenytoin und Primidon. In den 60er und 70er Jahren kamen neuere Antiepileptika auf den Markt, u. a. Carbamazepin und Valproat/Valproinsäure, die genauso wirksam wie die klassischen Antiepileptika, dabei aber tendenziell besser verträglich sind.

Seit Beginn der 90er Jahren wurden mehrere sogenannte „neue“ Antiepileptika zugelassen. Sie sind in der Behandlung der Epilepsie meist wesentlich effektiver und führen zum Teil zu deutlich weniger Nebenwirkungen. Neue Antiepileptika sind u. a. Eslicarbazepin, Felbamat, Gabapentin, Lacosamid, Lamotrigin, Levetiracetam, Oxcarbamazepin, Pregabalin, Topiramat, Vigabatrin und Zonisamid.
 

Eine ärztliche Betreuung von Epilepsie-Patienten ist unerlässlich.
Eine ärztliche Betreuung von Epilepsie-Patienten ist unerlässlich.

 

Zur Vermeidung von Nebenwirkungen, die nicht selten Ursache für einen Therapieabbruch sind, sollte das Antiepileptikum immer langsam eingeschlichen und aufdosiert werden. Die häufigsten Nebenwirkungen, die auftreten und auch zu einer vorübergehenden Beeinträchtigung der Fahrtauglichkeit führen können, sind:

  • Müdigkeit und Benommenheit
  • Sehstörungen
  • Schwindel
  • Übelkeit, Erbrechen und Appetitstörungen
  • Gangstörungen
  • Allergische Hautreaktionen
  • Veränderungen von Blutbild und Leberfunktion

Es sollte immer eine Monotherapie angestrebt werden, das heißt die Behandlung mit nur einem Medikament. Patienten sollten dieses in ausreichender Dosierung und über einen genügend langen Zeitraum bis zur Grenze der klinischen Verträglichkeit erhalten. Erst bei unzureichender Wirkung wird es gegen ein anderes Antiepileptikum ausgetauscht. Wird auch dann keine zufriedenstellende Anfallsreduktion erreicht, erfolgt in der Regel eine Kombinationstherapie mit einem zweiten Medikament. Die Gabe von 3 und mehr Medikamenten ist in der Regel nicht sinnvoll!

Grundsätzlich ist eine ärztliche Betreuung von Epilepsie-Patienten unerlässlich. Neben der Verordnung der antikonvulsiven Medikation, umfasst sie regelmäßige Kontrollen von Anfallshäufigkeit und Anfallstyp sowie in gewissen Abständen Untersuchungen des Blutbildes. EEG-Kontrollen können durchgeführt werden, sind jedoch ohne gezielte Fragestellung wenig sinnvoll. Blutspiegelbestimmungen von Antiepileptika sind vor allem dann indiziert, wenn Zweifel an einer regelmäßigen Medikamenteneinnahme oder der Verdacht auf eine Überdosierung bestehen bzw. um Interaktionen mit anderen Medikamenten zu erfassen.
 

 

Chirurgische Therapien

25 % der Epilepsiepatienten gelten als pharmakoresistent, d. h. bei ihnen ist mit den derzeit zur Verfügung stehenden medikamentösen Therapieoptionen eine befriedigende Anfallskontrolle nicht möglich.2 In diesen Fällen sollte abgeklärt werden, ob die Indikation zu einem epilepsiechirurgischen Eingriff oder zu einer Vagus-Nerv-Stimulation vorliegt. Bei der Vagus-Nerv-Stimulation sendet ein implantiertes Gerät, ähnlich wie ein Herzschrittmacher, mit Hilfe einer Elektrode elektrische Impulse an den Vagunsnerv und weiter ans Gehirn. Dadurch sollen bestimmte Gehirnaktivitäten gehemmt und es soll Anfällen vorgebeugt werden.

 

 

Ernährungstherapie

Ketogene Diät

Im Rahmen einer Ernährungstherapie kommt, insbesondere bei Kindern, eine ketogene Diät infrage. Dass diese spezielle Ernährungsform positive Auswirkungen auf Epilepsien hat, wurde bereits in der Antike durch den Arzt Hippokrates festgestellt. Aufzeichnungen belegen, dass epilepsiekranke Menschen durch strenges Fasten von ihren Anfällen geheilt bzw. dass hierdurch eine Minderung der Anfallshäufigkeit erzielt werden konnte. In den USA wurde 1920 festgestellt, dass der Fastenzustand imitiert werden kann, wenn dem Körper überwiegend Fette angeboten werden. Damit fand die ketogene Diät als Therapieform bei Epilepsien ihren Einzug. Seitdem werden Patienten mit durchaus nennenswertem Erfolg behandelt.

Die Ernährungsumstellung sollte stets unter stationären Bedingungen erfolgen, da es infolge der Stoffwechselumstellung zu Komplikationen kommen kann, auf die im klinischen Bereich rasch und adäquat reagiert werden kann. Während des etwa einwöchigen Klinikaufenthaltes kümmern sich Pädiater und Ernährungsfachberater um Eltern und Kind, da die Einhaltung des Nährstoffverhältnisses über einen längeren Zeitraum gewährleistet sein muss und ein therapeutischer Erfolg nur durch ein intensives Mitwirken und aller Beteiligten möglich ist.

Im Rahmen der sehr strengen ketogenen Diät werden abhängig vom Alter des Kindes ein höherprozentiger Anteil der Gesamtenergie aus zugeführten Fetten und der geringere Anteil aus Kohlenhydraten und Eiweiß gewonnen. Dies entspricht bei Kindern unter 2 Jahren einem Nährstoffverhältnis von 3:1 bei älteren Kindern 4:1, d.h. 3 bzw. 4 Anteile der täglichen Kalorienzufuhr sollen aus der Fettverbrennung, 1 Anteil aus Kohlenhydrat und Eiweiß stammen.
 


Die Therapie kann mit Nebenwirkungen wie Erbrechen, Durchfall oder Verstopfung verbunden sein. Diese und die stark reduzierte Nahrungsauswahl können die Durchführung erschweren.

Da der Therapieerfolg maßgeblich mit dem strikten Einhalten der Diät verbunden ist, kommt diese für ältere Kinder, Jugendliche und Erwachsene weniger in Frage, da die erforderliche Compliance häufig nicht in der erforderlichen Weise vorhanden ist. Für diese Altersklasse eignet sich eine modifizierte, fettreiche aber weniger restriktive Diät.
 

Modifizierte-Atkins-Diät

Die modifizierte Atkins-Diät ähnelt der klassischen ketogenen Diät, erlaubt aber mehr Kohlenhydrate und Eiweiße. Sie wird daher von Kleinkindern und Jugendlichen oft besser angenommen.

Unterstützende therapeutische Angebote

Daneben gibt es noch weitere, sogenannte komplementäre oder alternative Methoden, die bei Epilepsien zumindest versuchsweise eingesetzt werden können. Hierzu zählen u. a.:

  • Akupressur
  • Autogenes Training
  • Biofeedback
  • Homöopathie
  • Kinesiologie
  • Osteopathie
  • Yoga

Anfallsselbstkontrolle

Zum Therapieerfolg beitragen kann auch eine gute Anfallsselbstkontrolle bzw. bei jüngeren Kindern eine Beobachtung und Dokumentation durch die Eltern. Dies beinhaltet u. a. das Erkennen von spezifischen Auslösefaktoren und deren Vermeidung, die rechtzeitige Wahrnehmung von Anfallsvorzeichen (Aura), die Einschätzung des Anfallsrisikos und den Selbstversuch, einen beginnenden Anfall abzuwehren, zu unterbrechen oder hinauszuzögern. Dadurch kann das Wohlbefinden auf beiden Seiten aktiv gefördert und das Gefühl des Ausgeliefertseins in Bezug auf neue Anfälle reduziert werden.

Schulungsprogramme bei Epilepsie

Die Fähigkeit zur Selbstkontrolle kann durch spezielle Schulungsprogramme unterstützt werden. Die Programme helfen bei der Krankheitsbewältigung und reduzieren vorhandene Ängste. Die Teilnehmer lernen, mit ihrer Erkrankung besser umzugehen. Sie erhalten zudem Informationen über rechtliche Bestimmungen, z. B. unter welchen Voraussetzungen sie Autofahren dürfen und was sie im Berufsleben beachten müssen.

Die Schulungen sind in der Regel wie folgt aufgebaut:

  • Wochenend- oder Abendseminare unter Leitung eines speziell ausgebildeten Trainers
  • Kleine Gruppengrößen, die einen wechselseitigen Erfahrungsaustausch ermöglichen
  • Interaktive Gruppenarbeit, d. h. alle Gruppenmitglieder werden in den Ablauf eingebunden
  • Der geschützte Raum bietet allen Teilnehmern die Möglichkeit des offenen Austausches
  • Altersgruppengerechte und spielerische Wissensvermittlung bei Kinderkursen
     

Selbsthilfegruppen

Die Angst vor Anfällen kann für Betroffene psychisch sehr belastend sein und sie im Alltag einschränken. Selbsthilfegruppen sind daher für viele eine große Hilfe. Sich mit der eigenen Erkrankung auseinanderzusetzen und mit anderen Epilepsieerkrankten auszutauschen, gibt Sicherheit und reduziert Sorgen. Auch Eltern von an Epilepsie erkrankten Kindern kann der Austausch in einer Selbsthilfegruppe dabei unterstützen, Ängste abzubauen und sich im Umgang mit der Erkrankung sicherer zu fühlen.
 

Gespräche mit anderen Betroffenen können Sorgen und Ängste nehmen.
Gespräche mit anderen Betroffenen können Sorgen und Ängste nehmen.

 

 

 

Weiterführende Artikel im neuraxWiki

Epilepsie und Beruf

Verhütung, Schwangerschaft und Stillzeit bei Epilepsie

Epilepsie und Führerschein

Epilepsie und Sport

Grad der Behinderung bei Epilepsie

1www.epilepsie-vereinigung.de/epilepsie/diagnostik-und-behandlung/medikamentose-behandlung

2www.epilepsie-vereinigung.de/epilepsie/diagnostik-und-behandlung/medikamentose-behandlung

 

 

Inhaltsverzeichnis